Isolation Berlin Und aus den Wolken tropft die Zeit



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Bei vielen Sängern schämt man sich, wenn sie schreien. Bei noch viel mehr Sängern rollt man mit den Augen, wenn sie die Sehnsucht, den Größenwahn, den Weltschmerz in ihre Stimme legen. Nicht so bei Tobias Bamborschke.

Selten hat eine deutschsprachige Band mit nur zwei EPs, vor allem mit den Songs „Aquarium“ und „Alles grau“, für derart großes Aufsehen gesorgt wie Isolation Berlin. Und wer sie schon einmal live erleben durfte, weiß, dass sie auch auf der Bühne Exzess, Irrsinn und Zärtlichkeit vermitteln. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an das Debütalbum. Dass das Quartett dafür zwölf neue Stücke einspielte, zeugt von Selbstbewusstsein und hohem Anspruch an die eigene Kunst. Die inzwischen vergriffenen EPs erscheinen nun zeitgleich zur ersten LP gebündelt auf der Zusammenstellung „Berliner Schule/Proto­pop“, nebst Coverversionen von Nina Hagen („Fall in love mit mir“) und Joy Division („Isolation“). Letztere dürften ROLLING-STONE-Leser seit der Rare-Trax-CD „True Faith“ ins Herz geschlossen haben.

Die Lieder von „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ gehen zu Herzen, aber auch in die Beine, den Kopf, den ganzen Körper. Isolation Berlin repräsentieren – neben Mutter und auf gewisse Weise auch Element Of Crime – mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Orgel das Gegenteil dessen, was in der Popmusik der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte den Ton angegeben hat: keine supatopcheckerbunnyhafte Pop-Cleverness, keine ausgestellte Künstlichkeit, keine (Selbst-)Ironie. Stattdessen Direktheit, Intensität und Authentizität, Zuschreibungen der klassischen Rockmusik, die in Verruf geraten sind. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellt. Ob irrlichternder Noiserock ohne Muckerposen („Ich wünschte, ich könnte“, „Wahn“), beschwingte Großstadtpoesie („Aufstehn, losfahrn“) oder Kirmes­ballade in brechtscher Lederjacke („Herz aus Stein“): Textlich und musikalisch riskieren Isolation Berlin Kopf und Kragen – zu unserem Glück.


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