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Jonathan Wilson Rare Birds


Bella Union/PIAS


von

Seit seinem letzten Soloalbum, „Fanfare“ (2013), hat sich der Songschreiber aus Los Angeles nicht nur finanziell ein zweites Standbein als Produzent geschaffen. Seine Arbeiten für Father John Misty, Conor Oberst und Roy Harper weisen ihn als großen Studiovisionär aus, der es meisterlich versteht, Americana mit modernsten Mitteln neu zu definieren, Tradition und Fortschritt zu vertäuen. Jonathan Wilson ist ein Nerd, ein Tüftler, ein Musician’s Musician. Jeder wattierte Schlag auf den Drums, jeder Reverb auf Gesang und Gitarre, jede Stereo­spielerei und jeder Synthesizer-Schnipsel wirkt wie ein Update einer präzise abgelauschten und perfekt nachmodellierten Blaupause der Rockgeschichte.

„Rare Birds“ stellt die Frage, ob heutige Kunst häufig im Mittelmaß versickert, weil früher die Technik der Kunst hinterherhinkte und es heute umgekehrt zu sein scheint. Und es verwischt sogleich die Antwort. Ähnlich wie „Fanfare“ ist „­Rare Birds“ überbordend und von erschöpfender Epik. Es beeindruckt, überwältigt, überfordert – und das ist erst mal gut. Es ist prallvoll von klanglichen Raffinessen, ein Blendwerk der Opulenz, nicht ohne geniale Momente freilich.

Mischung aus „The Dark ­Side Of The Moon“ und „OK Computer“

Und darin mit Roger Waters’ „Is This The Life We Really Want?“ verwandt, auf dem Wilson als Gastmusiker mitwirkte und Produzent ­Nigel Godrich die dystopischen Register zog, die er sonst nur bei Radiohead ziehen kann. Vielleicht klingen die ersten ­Töne von „Rare Birds“ deshalb wie eine Mischung aus „The Dark ­Side Of The Moon“ und „OK Computer“, bevor das Stück, in dem Wilson den „Trafalgar Square“ besingt, unvermittelt Fahrt aufnimmt, sich zu einem Boogie-Rock-Bastard auswächst, der Alex Chilton Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die zwischen John Lennon und Dennis Wilson angesiedelte Barockpop-­Ballade „Me“ wird herrlich durch atonalen Fusion-Jazz demontiert.

Ein Gedanke, den manche als unangenehm empfinden ­mögen: In den progressiven, ganz gespreizten Momenten kommt Wilson seinem Namensvetter Steven gefährlich ­nahe. Dazu passt auch, dass in beinahe jedem Song ein Genre­bruch erfolgt. Das weltmusikalisch zersäuselte „Loving You“ und der längliche 80s-Pop-Pastiche „Over The Midnight“ zergehen ihm im Soundbrei. Umso schöner: „There’s A Light“, ein unbeschwertes, stürmisches Stück Westcoast-Pop. Der Titelsong ist nervöser Country-Rock, „49 Hairflips“ wunderbarer Hippie­kitsch, „Miriam Montague“ evoziert The ­Move und frühe Genesis. Jonathan Wilson lässt uns durch sein Kaleido­skop der Referenzen schauen, und benommen sehen wir die himmlischsten Zerrbilder.


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