Kritik: „Wir“ – „Us“ von Jordan Peele Wie man keinen guten Horrorfilm dreht


Die Rezension enthält Spoiler sowie eine Besprechung des Twists

Wenn eine rätselhafte Geschichte nicht durch die handelnden Figuren selbst aufgeklärt wird, sondern am Ende von einer Person erklärt werden muss, die an einer Schultafel steht, und das in einer langen Rede, die fast bei Adam und Eva ansetzt, dann hat ein solcher Film ein Problem.

Man könnte es den „Shutter Island“-Effekt nennen. In Martin Scorseses Psycho-Thriller dozierte Ben Kingsley einst vor einer Tafel per Zeigestock vor seinem Schüler Leonardo DiCaprio über die Plot Points und legte damit uns dar, was in dessen Kopf nicht stimmt. Der Clou wäre sonst im Verborgenen geblieben. Hier ist es Red (Lupita Nyong’o), die ihrem Zwilling Adelaide in den letzten Filmminuten den Grund dafür erklärt, dass sie ihre Familie terrorisiert.

Solche Schurken-Referate finden immer dann statt, wenn ein Film nicht gut genug ist. Wenn die für das Horror-Genre wichtige Mythologie eines Werks, die in-sich-Geschlossenheit im Phantastischen, in sich nicht schlüssig ist. Denn „Us“ fängt schon kurios an. Gleich zu Beginn gibt Jordan Peele ohne Zwang preis, woher seine Monster stammen. Schrifttafeln erklären, dass es in Amerika seit Ewigkeiten kilometerlange Kanalisationen gebe, deren Baugrund noch immer keiner kenne. Womit klargestellt wäre, aus welchen Tunneln das Teuflische später gekrochen kommt.

Kooperation

Story-Tafeln wie diese wirken wie innerhalb der Post-Produktion ausgedacht. Als hätten viele Bedenkenträger nach Sichtung des fertigen Materials doch noch beschlossen, den Zuschauer frühzeitiger auf Spur bringen zu müssen. Es dokumentiert mangelndes Vertrauen in den Stoff. Die Wirkung wäre größer, hätte man die Unterwelt erst fast am Ende, gemeinsam mit Adelaide, entdeckt.

Umso ärgerlicher ist „Us“, weil die Erwartungen an den jungen Regisseur Jordan Peele so groß waren. Er drehte zuvor klugen, politischen Horror. Sein Debüt „Get Out“ lieferte eine neuartige, sinnbildliche Darstellung von Rassismus. Von Rassismus gegenüber Schwarzen, die allesamt für Vergewaltiger gehalten werden, und die, auf frischer Tat ertappt, von Polizisten erschossen werden sollten. Gegenüber Schwarzen, deren Körper Weiße, in athletischer wie sexueller Hinsicht, heimlich bewundern. Selbst die kleineren Anspielungen waren ausgefeilt: Peele zeigte, dass Schwarze ihre Leidensgeschichte als Sklaven umdrehen, dass sie (gepflückte) Baumwolle auch gegen ihre Gegner einsetzen können. „Get Out“: Spitzen-Ideen, Spitzen-Film.

Peele sagte, dass ihm vor allem zwei Dinge bei „Us“ am Herzen lagen. Erstens, er wollte ein noch gruseligeres Werk als „Get Out“ drehen. Zweitens, er wollte Afro-Amerikaner als Protagonisten einsetzen, ohne dass ihre Hautfarbe eine Rolle spielt – und es habe bislang noch keinen Film in der Geschichte des Kinos gegeben, in dem eine afro-amerikanische Familie im Zentrum eines Monster-Alptraums stand.

„Us“: Slasher-Niveau

Das mit der Familie könnte stimmen. Das mit dem Horror nicht. Es reicht 2019 nicht mehr, wenn Kreaturen sich aus Schatten lösen und unvermittelt lange Scheren in Kehlen rammen. Das ist Slasher-Niveau, von John Carpenter 1978 und danach von vielen anderen zu Genüge aufgeführt. Es hat auch keine Schock-Wirkung, wenn Peele eine der Kreaturen per Reptilien-hafter Bewegung in Zeitraffer auf Beutezug schickt. Alles tausendmal gesehen. Wer hat heute noch Angst vor dieser Art J-Horror? Und warum eigentlich tragen die Zwillinge Thanos-Handschuhe?

Die Monster betrügen zudem ihre Mythologie, weil sie sich nicht einheitlich gegenüber ihren Opfern verhalten. Und Kongruenz unterscheidet Top-Horror von B-Horror. Mit Nebendarstellern (Elisabeth Moss, Tim Heidecker) wird kurzer Schnipp-Schnapp-Prozess gemacht. Den Hauptfiguren dagegen, also der Wilson-Familie, stellen sich die Jäger mit gebührendem Abstand, in minutenlanger stiller Beobachtung auf dem Hausrasen vor. Dann werden die Wilsons gefoltert (der Schlag mit dem Baseballschläger gegen das Bein könnte vielleicht eine Hommage an Michael Hanekes „Funny Games“ sein) und angekettet.

Der bewusstlose Vater Gabe (Winston Duke) wird von seinem Peiniger-Zwilling gar mühevoll in eine Mülltüte gestopft und dann im Ausflugsboot über einen See chauffiert. Vielleicht, weil das zu zweit schöner ist, denn Mord steht immer noch nicht auf dem Plan. Dieser Torture Porn dient keinem höheren Zweck. Es gibt ihn nur, damit das Bangen um gequälte Sympathieträger länger anhält – mangelnde Kongruenz im Monster-Verhalten eben. Deshalb ist die Action in Haus 2 (die Tylers) auch unterhaltsamer als die in Haus 1 (die Wilsons). Immerhin offenbart der überraschende Angriff auf die Tylers durch deren eigene Zwillinge, dass die Wilsons nicht allein mit ihren „Nachbarn“ gewesen sind. Es war gute Entscheidung, den Schrecken einer flächendeckenden Monster-Welle nicht schon im Trailer verraten zu haben.

Spoiler-Bereich

Die widersprüchliche Mythologie um die „Us“-Kreaturen  zeigt sich besonders am Ende, als sich die Rollen von Adelaide und ihres Zwillings Red aufklären. Es leuchtet nicht ein, weshalb Adelaide einen Gedächtnisverlust erlitt, ihre Identität nicht kennt. Muss man wohl als Verdrängung werten. Vor allem: Reds Motivation wäre dann von Kindesbeinen an nicht die der Befreiung ihres Volkes aus der Keller-Existenz gewesen, sondern nur das individuelle Verlangen nach Rückkehr in ihr altes Leben – also das genaue Gegenteil von dem, was die Zwillings-Wesen wollen, nämlich die Anerkennung ihrer eigenen, für uns befremdlichen Gattung. Was Red alias die echte Adelaide zu einer Opportunistin machen würde.

Angst vor Nachbarn

Womöglich heißt der Film im Original „Us“ und nicht „We“, weil „Us“ als Objektpronomen Abgrenzung darstellt, „We“ als Subjektpronomen eine Gemeinschaft voraussetzen würde, zwischen den Menschen oben und den Mensch-Kopien unten – eine Ko-Existenz, die es nicht geben kann (im Deutschen blieb nichts anderes übrig als eine Übersetzung zu „Wir“).

Aber welche Relevanz hat „Us“? Es gibt tatsächlich einige lustige Momente, hinter denen etwas mehr als nur Pointen stecken. Etwa, wenn Gabe den Krawall der Monster an seiner Tür, die Monster hält er da noch für verhaltensgestörte Leute von nebenan, als „White Shit“ bezeichnet. Oder wenn die Tochter (Shahadi Wright) nicht weiß, was für ein Film der ziemlich weiße, mittlerweile auch schon alte Weihnachtsfilm „Kevin – allein zu Haus“ ist. Innerhalb dieser guten Ideen behandelt „Us“ die Vorsicht und auch Angst gegenüber unbekannter, feindseliger, weißer Nachbarschaft. In einer sehr langen Einstellung ist die VHS-Hülle von „The Right Stuff“ zu sehen, einem Spielfilm über die ersten Versuche der Annäherung an den Weltraum, im Amerika der 1950er-Jahre – natürlich durch weiße Air-Force-Piloten.

Aber es sind Gedanken, die Peele nur anreißt. Wie so vieles andere auch. Es gibt die Menschenkette für den Weltfrieden, seit Vietnam, aber hier pervertiert, weil sie von den mörderischen Kreaturen gebildet wird. „We are America“, sagt die vermeintlich böse Red, in einer selten dargebotenen Klarheit – ein Satz wie für Trailer oder Taglines, so, dass ihn jeder versteht. Die, die unten sind, können sich jederzeit sichtbar machen.

Außerdem sind, in einer unterirdischen Forschungseinrichtung, viele frei laufende Kaninchen zu sehen. Vielleicht eine Anspielung auf „Alice hinter den Spiegeln“ und der Idee einer Parallelwelt. Oder es könnte meinen: Sind wir nicht alle irgendwie Versuchskaninchen im großen Plan des Schöpfers? Mit solchen Poesiealbum-Fantasien stattete auch Paul Thomas Anderson einst sein Drama „Magnolia“ aus. Beim Regiekollegen bedankt sich Jordan Peele im Abspann.

Peele hat die Kaninchen, Anderson ließ damals Frösche regnen. Beides ulkig, beides sinnlos.


Kritik: „The Walking Dead“, Staffel 9, Folge 11: Alphas Trottel-Strategie

Lautloser Sex scheint auch dann möglich zu sein, wenn man in der Wildnis umgeben von tausenden Zombies lebt, die sich ausgerechnet von Geräuschen angezogen fühlen. Sonst hätten die „Whisperers“ wohl kaum Nachwuchs zeugen können. Die schreienden Babys schleppen sie anscheinend während ihrer Streifzüge ständig mit sich rum – keine Frage, dass Untote dann stets bei Fuß stehen müssten. Diese „Whisperers“ um Gruppenführerin Alpha machen richtig Spaß, weil sie derart kopflos agieren, dass sie eigentlich keine zehn Tage im offenen Camp überleben dürften. Heulen von Null auf Hundert los, sobald sie gefangen genommen werden, was für schlechte Team-Moral spricht. Oder versuchen vor…
Weiterlesen
Zur Startseite