Madonna Ray Of Light



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Aus ROLLING STONE 4/1998:

Nach dem Tod der Englischen Rose ist sie die vermutlich meistfotografierte Frau der Welt, obwohl sie sich seit der Geburt ihres Kindes eher im Geheimen den Mutterfreuden widmete. Die Tränenrolle der Evita Peron, um die sie zäh gekämpft hatte, etablierte Madonna beim internationalen Musical-Publikum.

Für den „Oscar“ reichte es noch nicht ganz. Sie ist eine Frau, die viel gelernt hat und jetzt sehr viel kann. Sie leitet ein Imperium. Sie gebietet Ehrfurcht. Sie ist die Lieblingsmatrone von Feministinnen, Lesben, Schwulen und Gesamtphilosophen, doch auch der Normalverbraucher weiß sie immer mehr zu schätzen. Dass Madonna ja auch singt, stetig besser sogar, war zuletzt fast egal geworden, obwohl auch die „Bedtime Stories“noch ordentlichen Erfolg hatten.

Mit Madonna lassen sich die modernen Zeiten schön erklären, und so geschieht es auch. Sie schenkt der Welt ihr Lächeln, und die Welt lächelt zurück. Allein der Kindsvater hat keine Rechte an ihr (und am Kind auch nicht).

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Es begab sich also, dass die Königin ein neues Album verfertigte, und sie sprach: „Diesmal wollte ich einen Sound haben, der anders ist als alles, was ich vorher gemacht hatte, um eine weitere emotionale und spirituelle Ebene zu ereichen.“ So etwas hört man heute an jeder Wursttheke, doch muß man Madonna allein an ihren Taten messen. Getan hat vor allem ihr Produzent William Orbit, dessen Name ein Omen ist: So spacy war Madonna noch nie. Es ist ein Wummern und Fiepen und Surren, daß es eine Freude ist (und vielleicht ein Hörsturz), ein Radau für den Club im Kosmos. Die Single „Ray Of Light“, der wahrscheinlich radikalste Knaller des Albums, hat vorerst in den Gay-Diskotheken eingeschlagen, so wird berichtet.

Aber der Reihe nach. Es beginnt mit dem wummernden „Drowned World Aka My Substitute For Love“ – tiefste Bässe, überraschende Gitarren-Attacken, der Sound sphärisch, der Gesang sehnend. „I find/ I’ve changed my mind“, singt Madonna, und gelernt hat sie wohl bei Björk und deren Quäl-Monologen. Besser noch ist „Swim“, das mit einem prägnanten Gitarren(!)-Riff beginnt und immer mal wieder dahin zurückkehrt: „Swim to the ocean of love.“ Die angekündigte neue emotionale, spirituelle Ebene mag damit erreicht sein: „Erotica“, „Sex“ gar mußten der Sinnlichkeit weichen.

Da darf der Sinn wohl nicht fehlen: Der Drum’n’Bass-Rabatz wirkt hier weniger aufgesetzt als bei den einschlägigen Rock-Chamäleons, er hat gewissermaßen die Richtige erwischt. Denn Madonna war immer das Mutterland des Dancefloor, sie mußte sich nur treiben lassen. Die Zeit arbeitet für sie.

Der Dancefloor von „Ray Of Light“ ist allerdings eher ein Hubschrauber-Landeplatz, wie „Candy Perfume Girl“ nahelegt, ein fast brutaler Track mit gewaltigem Backbeat, im Tempo gedrosselt – fast „This Used To Be My Playground“, bloß laut, laut, eine Spur über die andere geschichtet und ein wenig länglich wie vieles auf diesem langen Album. Herr Orbit zieht alle Register, wenn auch keinen nennenswerten Einfall aus dem Hut, von einer hübschen, beiläufig eingespielten Orgel-Passage abgesehen. Es ist halt, wie Falco noch kürzlich gesagt hätte, „The Sound Of Musik“.

Kommen wir zur erotischen Abteilung im Madonna-Kosmos. „Skin“ wäre beinahe ein liebliches Lied ohne den Computer-Bombast, denn lieblich sind auch die Worte, die hell erklingen: „Put your hand on my skin; I need to make a connection/ I close my eyes.“ Ja! Ja! Body of evidence. „Nothing Really Matters“ behandelt, man ahnt es, den Abschied in einer Weise, die auch Celine Dion nicht fremd ist: „Something is ending/ And something begins“ – der ewige Kreislauf halt. Ein irres Jazz-Piano eiert durch das Dickicht der Beats.

Bei „Sky Fits Heaven“ leuchtet der Gesang, aber man fragt sich doch, ob dies nicht eine New Yorker Luxus-Ausgabe des üblichen Euro-Dance-Trash ist, ob Mr. President und Blümchen nicht mit ganz ähnlichen Beats und Bytes gefuttert werden. Doch nein! Madonna reüssiert auch im Banalen.

„Shanti/Ashtanji“ ist eine Reise nach Indien, gleich in Landessprache gesungen und als Mantra angelegt Es ist die Art von Folklore, die einen zahnlosen indischen Teppichhändler am Ganges womöglich überraschen würde, spirituell gesehen aber nach vorn weist Dann endlich: die Ballade! „Frozen“ beginnt mit sämigen Streichern, titelgemäß in Zeitlupe und sehr kontemplativ. „The Power Of Good-Bye“ ist ein lindes, vergleichsweise leichtfüßiges Liedchen, das an weniger gigantomanische Zeiten erinnert.

Freundlich hypnotisch auch „To Have And Not To Hold“. „Little Star“: ein Space-Chanson und Schlaflied fürs Töchterlein: „Never forget your dream, butterfly.“ Schließlich, als spiritueller Höhepunkt, „Mer Girl“, eine besinnliche Ballade, die fast zum Stillstand kommt, „I ran and I ran/ Fm still running away.“ Und da liegt sie dann offen zutage, die Wahrheit.

Doch es ist nicht dumm gelaufen für Madonna. „Ray Of Light“ erleuchtet die globale Krise der Entertainment-Industrie, erleuchtet den Star-Kult und viele Millionen Haushalte. Das Album katalysiert und popularisiert viele Sub-Genres der elektronischen Musik, die man nur vom Hörensagen kennt. Avantgardisten und Puristen werden zwar kaum aufhorchen. Aber man weiß es ja nicht: Schon manches Mal galt Madonna als cool, wenn nicht wegweisend. Clever sowieso. Und auch „Ray Of Light“ zeugt von Integrations-, ja Strahlkraft. Mutter eint und versöhnt. Die berühmteste Blondine der Welt.

Wenn auch eine falsche.