Spezial-Abo

Mawil The Singles Collection



von

Auch seine Auftragsarbeiten lässt er nicht einfach nur hintereinanderweg drucken, sondern er schafft einen kongenialen Rahmen, erzählt, nach guter New-Journalism-Sitte, die Auftragsannahme mit und leitet jedes neue Jahr mit einem fingierten Single-Cover ein, das in komischer Weise auf spätere Folgen vorausdeutet. So wird ein Buch aus dieser Sammlung, das sich zunächst einmal als episodisch-fragmentarische Künstlerautobiografie lesen lässt.

In den allermeisten und wohl auch besten seiner Arbeiten skizziert sich Mawil durch seinen Alltag. Das Fahrrad wird geklaut, die Wohnung gekündigt, die Brille geht kaputt, die Mandeln müssen raus, und dann sorgt auch noch die Fußball-EM bei einigen Mitbürgern für patriotische Hirnweiche. Reisen spielen keine ganz unwesentliche Rolle, anfangs mit dem Fahrrad an die Ostsee, mit wachsender Bekanntheit bekommt er auch Einladungen von kulturellen Einrichtungen wie dem Goethe-Institut, und er darf nach Jakarta, Porto Alegre und Bukarest fliegen. Aus dem Undergroundzeichner wird ein deutscher Kulturexportartikel.

Witzig-melancholische Alltagsabenteuer sind Mawils Markenzeichen. Was man in diesen kürzeren Arbeiten allerdings noch besser als in den abendfüllenden Geschichten beobachten kann, ist seine enorme stilistische Wandlungsfähigkeit und Experimentierfreude. Es geht ihm dabei stets um die Kongruenz von Wort und Strich. Mawil versucht seinen heterogenen Themen und Inhalten ein formales Äquivalent entgegenzusetzen. So erzählt er mit dilettantisch-unsicherem Krakel-strich von Erlebnissen in einem Comic-Workshop. Er fällt während einer Tanzperformance auf die rechte Schulter, sein Arm schmerzt, am Ende kann er ihn kaum noch anheben – und muss seinen Rapport daher mit links zeichnen.

Weil Mawil das ehrwürdige Genre des Zeitungsstrips als Kunstform ernst nimmt, kitzelt er noch einmal beachtliches ästhetisches Potenzial aus ihm heraus. 


ÄHNLICHE KRITIKEN

David Bowie :: Young Americans

Eines seiner stimmigsten Werke, und das mit nur sieben Eigenkompositionen und einem Coverstück.

Quentin Tarantino :: Once Upon a Time in Hollywood

Quentin Tarantino widmet sich dem „Old Hollywood“, das Ende der 1960er-Jahre dem Untergang geweiht war. Mit seiner kreativen Neuerzählung steht...

Dexter Fletcher :: Rocketman

Der Film von Dexter Fletcher beleuchtet in einem ekstatischen Hybrid aus Musical und Biopic den Aufstieg Johns vom schüchternen Middlesex-Knaben...


ÄHNLICHE ARTIKEL

Comedy, Horror, Antisemitismus: Darum ist das Remake von „Hexen hexen“ problematisch

Die Neuverfilmung des Fantasy-Klassikers strotzt vor schlichten Gags, schillernden Szenerien und irritierenden Special Effects – doch selbst die können die antisemitischen Klischees, die sich plakativ durch die Geschichte ziehen, nicht kaschieren.

10 unbekannte Sommersongs, die Sie kennen sollten

10 Songs, die nicht so bekannt sind wie „Macarena“, aber viel, viel schöner.

Sylvester Stallone: Alle „Rocky“- und „Rambo“-Filme im Sterne-Ranking

Wer ist eigentlich besser: Rocky Balboa oder John Rambo? Hier gibt es die Antwort.


Comedy, Horror, Antisemitismus: Darum ist das Remake von „Hexen hexen“ problematisch

Wäre das Jahr 2020 ein Film, welchem Genre würden wir ihn dann zuordnen? Melodrama? Katastrophenfilm? Oder würde er aufgrund der langsamen Schnitte und der gleichbleibenden Umgebung (Wohnzimmerwände) sogar als Arthouse-Film durchgehen? In dem Sinne passt Rober Zemeckis' Neuauflage von Roald Dahls „Hexen hexen“ vortrefflich zum Abschluss dieses diffusen Jahres. Denn auch dieser Film wirkt, als könne er sich nicht so recht entscheiden, was er eigentlich sein will. Er kommt daher als eine Kreuzung aus „Ratatouille“, „Grand Budapest Hotel“ und „Maleficent“. Tragische Elemente versucht er mit flachen Gags auszugleichen. Schillernde Kostüme und farbenprächtige Szenerien lenken von lustigen bis albernen Dialogen in…
Weiterlesen
Zur Startseite