Mawil The Singles Collection



von

Auch seine Auftragsarbeiten lässt er nicht einfach nur hintereinanderweg drucken, sondern er schafft einen kongenialen Rahmen, erzählt, nach guter New-Journalism-Sitte, die Auftragsannahme mit und leitet jedes neue Jahr mit einem fingierten Single-Cover ein, das in komischer Weise auf spätere Folgen vorausdeutet. So wird ein Buch aus dieser Sammlung, das sich zunächst einmal als episodisch-fragmentarische Künstlerautobiografie lesen lässt.

In den allermeisten und wohl auch besten seiner Arbeiten skizziert sich Mawil durch seinen Alltag. Das Fahrrad wird geklaut, die Wohnung gekündigt, die Brille geht kaputt, die Mandeln müssen raus, und dann sorgt auch noch die Fußball-EM bei einigen Mitbürgern für patriotische Hirnweiche. Reisen spielen keine ganz unwesentliche Rolle, anfangs mit dem Fahrrad an die Ostsee, mit wachsender Bekanntheit bekommt er auch Einladungen von kulturellen Einrichtungen wie dem Goethe-Institut, und er darf nach Jakarta, Porto Alegre und Bukarest fliegen. Aus dem Undergroundzeichner wird ein deutscher Kulturexportartikel.

Witzig-melancholische Alltagsabenteuer sind Mawils Markenzeichen. Was man in diesen kürzeren Arbeiten allerdings noch besser als in den abendfüllenden Geschichten beobachten kann, ist seine enorme stilistische Wandlungsfähigkeit und Experimentierfreude. Es geht ihm dabei stets um die Kongruenz von Wort und Strich. Mawil versucht seinen heterogenen Themen und Inhalten ein formales Äquivalent entgegenzusetzen. So erzählt er mit dilettantisch-unsicherem Krakel-strich von Erlebnissen in einem Comic-Workshop. Er fällt während einer Tanzperformance auf die rechte Schulter, sein Arm schmerzt, am Ende kann er ihn kaum noch anheben – und muss seinen Rapport daher mit links zeichnen.

Weil Mawil das ehrwürdige Genre des Zeitungsstrips als Kunstform ernst nimmt, kitzelt er noch einmal beachtliches ästhetisches Potenzial aus ihm heraus. 


ÄHNLICHE KRITIKEN

Easy Life :: „Maybe In Another Life“

Wachstumsschmerzen und Krokodilstränen

The Interrupters :: „In The Wild“

Ist das die Rückkehr der Ska-Punk-Partybands?

Yo La Tengo :: „I Can Hear The Heart Beating As One“ – Der wilde Schlag des Herzens

Ein Meilenstein der Independent-Musik, erweitert um Peel Sessions und Remixes


ÄHNLICHE ARTIKEL

Indiana Jones: Warum „Das Königreich des Kristallschädels“ nicht der schlechteste Indy ist

Aliens und Affen an Lianen: Umgehend nachdem „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ins Kino kam, wurde er zum unbeliebtesten Film der Abenteuer-Reihe. Zu Unrecht.

Kritik: Gorillaz live in Berlin – Hier tanzen auch zynische Hipster

Die virtuelle Band rund um Frontmann Damon Albarn befindet sich auf Welttournee. Am 24. Juni spielten sie in der Parkbühne Wulheide in Berlin.

Wie schreibt man eigentlich einen Song, Jeff Tweedy?

Wilco-Songwriter Jeff Tweedy erklärt in seinem neuen Buch „Wie schreibe ich einen Song“, dass das Geheimnis seiner Kunst gar kein Geheimnis ist. Im Gespräch mit seinem Übersetzer, dem Songwriter Philip Bradatsch, philosophiert er über den kreativen Prozess, den Mythos der göttlichen Eingebung und den Weg zur Inspiration