Metallica: „Metallica“ – gelungene Flucht aus dem gebolzten Leerlauf



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Wie weit kann sich eine Thrash-Metal-Band von ihren Wurzeln ent- fernen, ohne die Basis völlig vor den Kopf zu stoßen? Genau so weit! „The Black Album“ geht als das bestverkaufte Metal-Album aller Zeiten in die Annalen ein, weil Metallica das Kunststück gelingt, Kutten- und Anzugträger gleichermaßen zu bedienen. Vom Erfolg beflügelt, wurden sie arrogant und glaubten, auf die Basis keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Man hatte ja genügend neue Käufer. „Load“ und „Reload“ werden ihnen die Old-School-Fans nie verzeihen.

Das Murren beginnt bereits hier. Inkriminiert wird vor allem das Tempo. Es gibt keinen einzigen Thrash-Song mehr, Spurenelemente enthalten allenfalls noch Kirk Hammetts Winkelschleifer-Soli. Das Gros der Szene lässt sich dennoch auf das A bum ein, weil hinter dieser Ästhetik der Impulskontrolle der mühsam gezügelte Furor noch hörbar ist. Und weil die Eingängigkeit der Songs, die sich in fünf Single-Auskopplungen manifestiert, im Zusammenspiel mit der maximal saftigen Produktion enorme Überzeugungskraft besitzt.

Verliert sich der Vorgänger, „… And Justice For All“, noch in Riff-Endlosschleifen, sind die Songs hier straff auf einen Refrain zugeschnitten, und der talentierte Kneipengröler James Hetfield wagt sich, nicht zuletzt beim Überhit „Nothing Else Matters“, an eine Sanftheit, die den Aggro-Anteil seiner Vocals noch spektakulärer erscheinen lässt. Man hört hier deutlich das Händchen von Platin-Produzent Bob Rock, der sich mit seiner respektlosen, die Kompositionen vom Kopf auf die Füße stellenden Herangehensweise zunächst wenig Freunde macht, sich aber als der richtige Mann erweisen wird, um die Band aus dem gebolzten Leerlauf von „Justice“ herauszuführen.

Wie schon bei den vier Metallica-Vorgängern dokumentiert nun eine mit Devotionalien, Fotos, unzähligen Demo- und Live-Aufnahmen vollgepackte Schatztruhe die Entstehung und exorbitante Erfolgsgeschichte des „Schwarzen Albums“. (Universal)


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