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Motörhead Overkill


Das Erregungspotenzial eines Klassikers lässt sich manchmal nur schwer nachspüren, wenn der historische Kontext verblasst. Dass Motörhead mal die „härteste“, „wildeste“ oder gar „gefährlichste“ Band gewesen sein sollen, mag überraschen, wenn man diesen überdrehten Blues und Boogie-Rock in den Studioversionen hört. „No Class“ ist eigentlich nichts anderes als ZZ Tops „Tush“ mit drei Schippen Dreck obendrauf. Selbst „Overkill“, der Titelsong des Albums, mit dem sich Lemmy und Co. in der gerade konsolidierenden Heavy-Metal-Szene etablierten, wirkt auf heutige Ohren fast schon zahm. Dass Schlagzeuger „Philthy Animal“ Taylor hier bereits an die Grenzen des neuen Subgenres Speed Metal heranprescht, offenbart sich deutlicher bei den klabauternden Gigs.

Zwei Mitschnitte – aus Aylesbury am 31. März und Le Mans am 3. November 1979 – werten die 40th-Anniversary-Editionen enorm auf. Sie zeigen sehr schön die materialzermürbende Wucht, die erschöpfende Intensität und den Schalk der kanonischen Trioformation, von der so viele offizielle Live-Zeugnisse gar nicht erschienen sind. „Fast“ Eddie Clarke spielt erst hier so richtig über seine Verhältnisse, und Lemmys verzerrte Bassriffs mörteln untenrum alles zu. Am spektakulärsten war aber gar nicht mal die kaputte instrumentale Performance, sondern Lemmys aus tiefster Kehle röchelndes Untoten­organ. Nicht schön, aber selten.

Ein halbes Jahr liegen zwischen „Overkill“ und „Bomber“ (★★★), und die fehlende Muße fürs Songwriting merkt man der zweiten Produktion von 1979 durchaus an. Während „Overkill“ weitere Motörhead-Standards enthält („Metropolis“, „Stay Clean“), spielen die Songs von „Bomber“ abgesehen vom Titelstück und „Stone Dead Forever“ live schon bald keine Rolle mehr. Allerdings ist mit „Poison“ ein kleines, fast vergessenes Juwel zu entdecken.

Die Outtakes aus diesen Sessions sind jedoch nur für Digger von Interesse. Für die hat Airfix auch gerade einen Bausatz des Motörhead-Bombers Heinkel HE 111 aufgelegt. (­BMG)


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