My Morning Jacket: Circuital (Kritik & Stream) - Rolling Stone






My Morning Jacket Circuital


V2 / Cooperative VÖ: 03. Juni 2011


von

Lange vor den Fleet Foxes oder Mumford & Sons besannen sich My Morning Jacket auf The Band, Bob Dylan und Neil Young. Zuletzt allerdings auch auf Chicago und die späteren Pink Floyd: „Evil Urges“ fusionierte mehr als jede andere MMJ-Platte Alt.-Country mit Softrock und Bombast. Halten wir fest: Euphemistisch gesprochen sind My Morning Jacket für eine von der Grundausrichtung her konservative Band stets sehr experimentierfreudig gewesen.

Ein Kurs, der auf dem inzwischen sechsten Album nur teilweise fortgeführt wird. Man soll sich ja nicht dauernd selbst loben, aber wenn Jim James im eröffnenden „Victory Dance“ den Halbsatz „my good work“ singt, möchte man ihm ohne Einschränkungen zustimmen. Gute Arbeit, in der Tat – so sehr „bei sich“ war diese Band seit „It Still Moves“ nicht mehr.

Was natürlich nicht nur daran liegt, dass My Morning Jacket nach dem ambitionierten Studioausflügen der Vergangenheit überwiegend live im heimischen Kentucky aufgenommen haben. „They told me not to smoke drugs but I wouldn’t listen“, singt James im manischen „Outta My System“, und zählt noch einige weitere Fälle von chronischer Beratungsresistenz auf – um schließlich in der Erkenntnis zu münden, „I guess I just had to get it out of my system“.

Unter anderem hat der Sänger vor den Aufnahmen den Wunsch aus seinem System verbannt, Dinge zusammenbringen, die nicht zusammengehören. Wenn auf „Circuital“ überhaupt experimentiert wird, kommen dabei keine in sich funktionierenden, aber im Gesamtkontext isolierten Absurditäten heraus, sondern eine Großtat wie der verhallte Drama-Calypso „Holding On To Black Metal“ mit seinen bekifften Cheerleader-Chören aus der Hölle, der übrigens auf dem Thai-Soul-Klassiker „E-Saew Tam Punha Huajai“ basiert. Thai-Soul? Da mussten wohl erst My Morning Jacket kommen, um uns auf die Existenz eines solchen Genres hinzuweisen.

„The Day Is Coming“ ist dann das musikalische Äquivalent einer verwunschenen Geisterbahnfahrt, der Titelsong elegischer Mid-Tempo-Rock’n’Roll, „You Wanna Freak Out“ eine hingetupfte Folk-Pop-Miniatur – und über all diesen Liedern schwebt Jim James mit seiner alles durchdringenden Geisterstimme. Es ist ein schrecklicher Satz, aber My Morning Jacket sind erwachsen geworden. Auf großartig unspektakuläre Weise.


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