ROLLING STONE empfiehlt Weihnachtsgeschenke (3): My Morning Jacket live Vol. 2 Chicago 2021


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My Morning Jacket gehören zu jenen Bands, die man schnell einmal zu früh abschreibt. Nach ihrem vorläufigen Meisterwerk „Z“ (2005) schienen die Amerikaner stets auf der Suche nach einem neuen Stil zu sein. Dem humpeligen Soul-Experiment „Evil Urges“ (2008) folgten zwar das ausgesprochen souveräne „Circuital“ (2011) und die wunderbaren Psychedelic-Rock-Unternehmungen „Waterfall I und II“ (2015/2020), die alle zusammen Nostalgikern und unverbesserlichen Gitarrenrock-Liebhabern viel Futter lieferten, aber doch insgesamt wie künstlerische Stagnation anmuteten. Die Erneuerer des Alternative Rock trampelten eben doch nur ausgetretene Pfade aus.

Mit dem im vergangenen Jahr erschienenen selbstbetitelten Album erinnerten My Morning Jacket allerdings daran, dass die von religiöser Ekstase und Stadionrockposen beseelten Musiker eben eines können wie nur wenige andere: richtig gut angeben. Und dieses Selbstbewusstsein holen sich Jim James und seine Kollegen von der Bühne.

My Morning Jacket sind viel zu selten in Europa auf Tour

My Morning Jacket sind in einer Welt, da Rockmusik nur noch in Anführungszeichen gespielt wird (und das beherzigen sowohl die unverkrampften wie Pearl Jam oder die filigransten wie Wilco) eine der besten Live-Bands mit Gitarren, die man für Geld bekommen kann. Ihre Power beziehen sie aus leichthändigen Riffs, enervierenden Rhythmuspassagen, dem getragenen, sehnigen Gesang von Jim James (der immer mal wieder wild ins Publikum grölt, doch eben nicht zornig, sondern eher mit kathartischer Inbrunst) und der Cleverness, all die aufgesogenen Referenzen nicht zu sehr als solche erscheinen zu lassen.

Man muss das einmal sagen: Es ist jammerschade, dass My Morning Jacket viele Jahre lang einen Bogen um Europa gemacht haben. 2011 spielten sie ein fantastisches Set im Festsaal Kreuzberg in Berlin. Hier schmetterten sie ihren episch angehauchten Gitarrenfranseleien mit Metal-Lautstärke aber eben auch in eine für die Muskulösität der Gruppe wie eine Streichholzschachtel anmutende Location. Man hatte etwas Mitleid mit Drummer Patrick Hallahan, der sich ins letzte Eck gepfercht sah – während Sänger James seinen sonst großzügig gewählten Bewegungsradius auf wenige Schritte zusammenziehen musste.

Für Stubenhocker und eben die geschmähten Zuhörer in Deutschland und Umgebung, die zuletzt beim Lollapalooza 2015 in Berlin in den Genuss kommen konnten, My Morning Jacket live zu sehen, gibt es nun eine Reihe von Konzertaufnahmen unter dem Titel „Mmj Live“. Zwei Platten, auf Vinyl und digital erhältlich, sind bisher erschienen. Eine umfasst einen Gig aus der „Waterfall“-Tour von 2015, die andere verewigt einen rauschenden Auftritt im Auditorium Theatre in Chicago im Jahr 2021.

Ein Brecher nach dem nächsten

Vor allem der Chicago-Gig sei mit seinem glasklaren, vorpreschenden Sound empfohlen und markiert nach dem schon denkwürdigen Live-Doppelalbum „Okonokos“ einen echten Höhepunkt im Werk der Band. Auch deswegen, weil hier die musikalische Entwicklung von My Morning Jacket in den letzten Jahren geradezu körperlich spürbar wird.

Wie hier aus einem Guss zwischen den verschiedenen Alben hin und her gesprungen wird; wie das gleißende „Victory Dance“ schon nach wenigen Minuten als Opener mit Glanz und Glorie den Ton vorgibt; wie „If All Else Fails“ von Westcoast zu Eastcoast und wieder zurück schlittert; wie die brütenden Saxophon-Beats in „Magic Bullet“ eben jenen neuen druckvollen, selbstbewussten Stil der Band umreißen, der Vergangenheit und Zukunftsexperiment vortrefflich in einander fließen lässt; wie vor allem der vielleicht beste Song der Band, das in ein halsbrecherisches, kaum mehr versiegen wollendes Finale mündende „Dondante“, hier entladen wird (man vergleiche dazu die Version auf mmj live Volume 1, die nur ein halbes Jahrzehnt entfernt ist) – das ist schlicht atemberaubend. Man muss schon kräftig suchen, um einen Live-Mitschnitt eines Konzerts der letzten Jahre zu finden, der ähnlich mitreißend ist.

Sicher, das hat auch alles mal etwas zu viel Fettrand, ist vor Pathos und Muckertum nicht sicher. Aber My Morning Jacket sind derart selbstbewusst, ihren Gitarren-Eifer einzusetzen, dass nach etwas mehr als zwei Stunden auch am heimischen Plattenspieler die Ohren glühen. Vielleicht beweist die Band dieses Können bald auch endlich wieder auf deutschen Bühnen.