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Neil Young: „After The Gold Rush“ – eigenwilliger Homerecording-Charme



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Neil Youngs Entscheidung, auf seiner vierten Single eine Coverversion von Don Gibsons altem Country-Hit „Oh, Lonesome Me“ als larmoyantes Klagelied zu veröffentlichen, ließ Rückschlüsse auf seine Gemütsverfassung zu. Mindestens so offenherzige Bekenntnisse waren danach thematisch ähnliche Songs aus eigener Feder auf der nächsten LP: „I Believe In You“ das eines von Zweifeln geplagten Liebenden ob einer rückkehrwilligen Ex, „Tell Me Why“ grübelnd mit Versen wie „Tell me lies later/ Come and see me.“ „Birds“ war ein poetisches Abschiedslied an die Adresse der Ex, „Only Love Can Break Your Heart“ am Ende die abgeklärte, nicht unbedingt originelle Erkenntnis.

Das damals schon in Konzerten akustisch gespielte „Wonderin’“, ein Lamento über eine Liebste, die ihn wohl für immer verlassen hat, veröffentlichte er damals nicht auf „After The Gold Rush“; das Stück erschien als Rockabilly-Antiquität erst 1983 auf „Everybody’s Rockin’“. Auf der Jubiläumsedition ist der Song die einzige Zugabe. Warum Young ihn, jetzt in zwei alten Aufnahmen veröffentlicht, einmal mit munterem Honkytonk-Piano und mehr folk rockig jeweils komplett mit Begleitband arrangiert, damals nicht auch auf der LP bringen wollte, ist nicht recht nachzuvollziehen. Denn der passte wiederum perfekt zu den optimistischeren Liedern wie „Don’t Let It Bring You Down“, „When You Dance I Can Really Love“ oder „Cripple Creek Ferry, die in ihrer Stimmung die dominierende Tristesse konterkarierten. Ein Kontrast auch zu den zwischendurch pessimistischen Prophezeiungen im Titelsong („Look at Mother Nature on the run in the 1970s“) und der arg simplifizierenden Botschaft des Protestsongs „Southern Man“.

Auch 50 Jahre später zeichnen sich die meisten Aufnahmen, im Keller von Neil Youngs Haus mehr improvisiert als sorgfältig professionell produziert, durch ihren ganz eigenwilligen Homerecording-Charme aus. Verwendet wurde für diese Edition das Remaster der Archive Series von 2009. (Reprise)


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