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Neil Young Homegrown



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Aus den Alben, die Neil Young nicht veröffentlicht hat, würde ein geringerer Künstler eine bemerkenswerte Karriere bauen. Aber auch Young selbst hat ein Parallelwerk daraus gemacht, eine Phantomdiskografie von noch immer unabsehbaren Ausmaßen. Im Jahr 1974 brachte er „On The Beach“ heraus, eine traumatische, traumwandlerische Depressionsplatte. Dann nahm er mit dem Pedal-Steel-Gitarristen Ben Keith, dem Schlagzeuger Tim Drummond und dem Pianisten Stan Szelest die Songs von „Homegrown“ auf. Im Januar 1975 war die Platte fertig. Und Young veröffentlichte nicht sie, sondern „Tonight’s The Night“, das bereits 1973 entstanden war. Und danach „Zuma“, eine elektrische Platte mit Crazy Horse.

„Homegrown“ sei die Verbindung zwischen „Harvest“ (1972) und „Comes A Time“ (1978), sagt Young, und wenn er es sagt! „Das eine Album, das entkam.“ Das eine? So einige sind entkommen. „Homegrown“ ist ein bukolisches Album, eine unaufgeregte Folk-Platte, sie ist reich an gemütvollen Balladen, an kleinen Divertimentos und Skizzen, aber auch an konzentrierten kleinen Songs. Levon Helm spielt Schlagzeug bei einem Stück, Robbie Robertson einmal Gitarre, Emmylou Harris singt bei einem Song, aber das ist nicht prägend: „Homegrown“ ist eine einsame Neil-Young-Sache. Der beiläufige Charakter entspricht dem melancholischen Hedonismus und dem Gestus des Suchens und Streunens von Jackson Brownes „Running On Empy“(1978) und weist voraus auf ein anderes akustisches Album von Neil Young, „Silver & Gold“ (2000).

Er will nicht gehen, er will nicht bleiben

Einige der Stücke erschienen auf späteren Platten: „Love Is A Rose“, „Little Wing“ und „Star Of Bethlehem“. Mindestens so gut sind „Separate Ways“ und „Try“, und die Pianoballade „Mexico“ gehört zu Youngs großen Träumereien über Flucht und Rückzug. Die längliche surrealistische Gaga-Erzählung „Florida“ und der lose Blues-Jam „We Don’t Smoke It No More“ zerschneiden das Album, bevor „White Line“, „Vacancy“, „Little Wing“ und „Star Of Bethlehem“ die Reise fortsetzen. Das vielleicht schönste Lied ist dazwischen „Kansas“, auf der akustischen Gitarre und mit Mundharmonika gespielt und ruhig und überdeutlich gesungen.

Die Platte ist auch eine Meditation über die Möglichkeiten von Orten – von denen die meisten auf dem amerikanischen Kontinent liegen. „Star Of Bethlehem“ beschließt das Album sentimental (und erschien, wie der Song „Homegrown“, 1976 auf dem erratisch zusammengestellten „American Stars ’n Bars“). Andererseits singt Young in dem gleichnamigen gutmütigen Rumpelstück: „Homegrown is alright with me, homegrown is the way it should be, homegrown is a good thing.“ Das Lob der Sesshaftigkeit, der Drang zum Unterwegssein: Dazwischen ist Neil Youngs gesamtes Werk aufgespannt. Er will nicht gehen, er will nicht bleiben.

Das Erstaunlichste dieses Albums, das entkam, ist Youngs Gesang. Es gibt fast kein Gewimmer der Kopfstimme, was zeigt, dass sein charakteristischer hoher Ton eine künstlerische Entscheidung, ein Ausdrucksmittel ist. Hier drückt sich Young anders – und manchmal klarer – aus.

Neben weiteren Live-Aufnahmen aus dem Archiv (darunter ein Mitschnitt aus den von Young noch nicht ausführlich dokumentierten 80er-Jahren) kündigt der Selbst-Enzyklopädist die Vorstudie zu „Freedom“ von 1989 an – also noch eine Platte, die entkam – und den Heiligen Gral: „Archives II“, das Lebensprojekt, dessen erster Teil vor zehn Jahren erschien (nach ungefähr 20-jähriger Annoncierung).

Die blinden Flecken auf Youngs gewaltiger Karte der Imagination füllen sich.


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