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Neue Alben von Neil Young und Bob Dylan: Alles, was man wissen muss


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Sie standen erst vor wenigen Monaten, einen Sommer ist das jetzt her, gemeinsam auf der selben Bühne, natürlich jeweils mit ihren eigenen Sets: Bob Dylan und Neil Young.

Die zwei größten noch lebenden Musiker Nordamerikas bringen nun am selben Tag, wie es der Zufall manchmal so will, neue Alben heraus. Der eine veröffentlicht zum ersten Mal seit acht Jahren wieder seine eigenen Songs, nachdem zuletzt vor allem Cover-Versionen von Frank Sinatra auf dem Plan standen. Der andere reicht ein Studioalbum nach, das er einst aus persönlichen Gründen lieber zurückstellte.

Neil Young: „Homegrown“ – Suchen und Streunen

Die Zeit hat die Zweifel, ob diese auch manchmal kargen, schmerzhaft ehrlichen Stücke von Neil Young vielleicht zuviel preisgeben, hinweg gewischt.

„Es war ein bisschen zu persönlich“, erklärte der Musiker einst in einem Interview mit Cameron Crowe, das in der US-Ausgabe des ROLLING STONE erschien. „Es hat mir Angst gemacht. Diese Sachen habe ich nie veröffentlicht. Und ich werde es vermutlich auch nie tun. Ich würde mich zu sehr schämen, sie sind etwas zu real.“ 46 Jahre später haben sie allerdings von ihrer Intimität und Brüchigkeit nichts verloren.

„Homegrown“ sei die Verbindung zwischen „Harvest“ (1972) und „Comes A Time“ (1978), sagt Young. Eine Platte, die entkommen sei. Es ist ein bukolisches Album, eine unaufgeregte Folk-Platte, urteilt ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander in seiner Rezension. Sie ist reich an gemütvollen Balladen, an kleinen Divertimentos und Skizzen, aber auch an konzentrierten kleinen Songs.

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Der beiläufige Charakter entspricht dem melancholischen Hedonismus und dem Gestus des Suchens und Streunens von Jackson Brownes „Running On Empty“ (1978) und weist voraus auf ein anderes akustisches Album von Neil Young, „Silver & Gold“ (2000). „Homegrown“ pendelt zwischen einem Lob der Sesshaftigkeit und dem Drang zum Unterwegssein. Dazwischen ist Neil Youngs gesamtes Werk aufgespannt.

Das Erstaunlichste dieses Albums, das entkam, ist Youngs Gesang. Es gibt fast kein Gewimmer der Kopfstimme, was zeigt, dass sein charakteristischer hoher Ton eine künstlerische Entscheidung, ein Ausdrucksmittel ist. Hier drückt sich Young anders – und manchmal klarer – aus.

Neil Young: „Homegrown“ – Tracklist

  1. Separate Ways
  2. Try
  3. Mexico
  4. Love Is A Rose
  5. Homegrown
  6. Florida
  7. Kansas
  8. We Don’t Smoke It No More
  9. White Line
  10. Vacancy
  11. Little Wing
  12. Star Of Bethlehem

Bob Dylan: „Rough And Rowdy Ways“ – Geschichte, Niedergang und Erlösung

Bei Bob Dylan liegt der Fall anders. Mitten in die Sorgen um die Entwicklung der Corona-Pandemie platzte der Sänger mit einem 17 Minuten währenden Song über JFK. Eine Offenbarung. „Murder Most Foul“ traf einen Nerv, nie zuvor wurde über einen Dylan-Song am Tag seines Erscheinens so viel geschrieben, erklärt ROLLING-STONE-Autor Maik Brüggemeyer.

Dylan hat oft über nationale Tragödien gesungen, über rassistisch motivierte Gewalt, Morde, Kriegsangst, Naturkatastrophen, Schiffsuntergänge. Seit den frühen Sechzigern erzählt er die amerikanische Geschichte als moderne Form der Apokalypse, ein Blick, den er entwickelte, als er mit Anfang zwanzig in der New York Public Library Zeitungsartikel aus der Zeit des Bürgerkriegs studierte. Parallel zum Attentat erzählt Dylan hier von der Gegenkultur, von den Beatles, die die Nation im November 1963 mit „I Want To Hold Your Hand“ aus der Schockstarre holten, von Woodstock und Altamont.

Vier Wochen nach „Murder Most Foul“ erschien der nächste neue Dylan-Song, „I Contain Multitudes“, der Titel war wieder ein Zitat, diesmal aus „Song Of Myself“ vom amerikanischen Nationaldichter Walt Whitman, mit dem Dylan zu Beginn seiner Karriere oft verglichen wurde und dessen Einfluss vor allem in seinen epischen Balladen von „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ über „Desolation Row“ bis „Highlands“ zu spüren ist.

„Rough And Rowdy Ways“ spiegelt die fantastischen Konzerte der letzten Jahre, in denen Dylan seinen Act revitalisiert hat, äußerst prononciert singt, statt zu raspeln und Silben zu verschlucken, die Band vom Klavier aus dirigiert, statt entrückt vor sich hin zu orgeln. Und so ist dies ein konzentrierteres Werk als der dunkle, ausufernde Vorgänger „Tempest“. Die musikalischen Formen sind die gleichen geblieben. Die Themen auch, es geht weiterhin um Geschichte, Niedergang und Erlösung.

Diese Lieder funktionieren wie Geschichten, in deren Mittelpunkt immer derselbe widersprüchliche Protagonist zu stehen scheint, halb Trickster, halb Weltgeist. Einer wie der listenreiche, eine halbe Ewigkeit umherirrende Odysseus, mit dem Dylan sich zu identifizieren scheint.

„Rough And Rowdy Ways“ –Tracklist

  1. „I Contain Multitudes“
  2.  „False Prophet“
  3. „My Own Version of You“
  4.  „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You”
  5.  „Black Rider“
  6. „Goodbye Jimmy Reed“
  7. „Mother of Muses“
  8. „Crossing the Rubicon”
  9. „Key West“
  10.  „Murder Most Foul“

Mehr über die neuen Alben von Bob Dylan und Neil Young lesen Sie in der kommenden Juli-Ausgabe des ROLLING STONE.