Warum Neil Young für immer verändern könnte, wie wir Musik hören

E-Mail

Warum Neil Young für immer verändern könnte, wie wir Musik hören

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Die Aufregung war groß, als Neil Young 2009 tatsächlich seine Schatztruhe öffnete. Oder zumindest einen Teil davon. Die viele Jahre angekündigte Box mit dem Titel „Neil Young Archives, Vol. 1: 1963-1972“ enthielt auf insgesamt 10 DVDs/Blu-rays in der damals bestmöglichen Audio-Qualität all das, was Old Neil auf seinem Speicher als Demos noch ausgraben konnte, dazu allerhand unbekanntes Live-Material und ein prächtiges Booklet.

Neil Young - Archives 1: 1963-72
Neil Young – Archives 1: 1963-72

Natürlich sollte das Set, das immer wieder angekündigt und dann doch wieder verschoben wurde, auch das Gefühl vermitteln, das hier ein Künstler mit seinem Back-Katalog auf eine geradezu inspirierende Weise verfuhr, die es dem geneigten Hörer möglich machen würde, auf ein Gesamtwerk zurückzugreifen, das ganz und vollständig zugänglich erscheint. Mit allen Ecken und Kanten, ohne die offensichtliche Ausschussware auszusparen. Das wollte oder konnte zuvor kein Musiker ähnlicher Größenordnung.

Because sound matters

Aber viele Fans zeigten sich trotzdem enttäuscht, dass die erwarteten Goldstücke aus dem Archiv weniger zahlreich ausfielen, als zunächst vermutet. Der Großteil des Materials war bekannt, einiges schien Neil Young auch noch zurückzuhalten (zum Beispiel für seine epochale „Performance Series“). Doch um Neues ging es dem Musiker auch nicht – sondern um die bestmögliche Klangqualität. Die war für den Kanadier vor der Durchsetzung der Blu-ray nicht zu bekommen.

Dass Young hier Wort gehalten hat, hört man den fabelhaft restaurierten Songs jederzeit an. Allein schon „Live At Massey Hall“, ein Soloauftritt Youngs aus dem Jahr 1971, das dem Set beigefügt ist, birgt eine so intime, ergreifende Konzert-Atmosphäre, wie sie jedem Musiker für eine Live-Veröffentlichung nur zu wünschen wäre. Überhaupt bemüht sich der 71-Jährige schon seit längerer Zeit um die Verbesserung der Klangstandards in der Musikindustrie, weil er sie von MP3 und Co. verunreinigt sieht. Anstatt die Verhältnisse zu beklagen reagierte Young, zum Beispiel mit der Entwicklung seines HQ-Online-Musikdienstes Pono.

Doch mit der Ankündigung, alle seine Songs und Singles von 1963 bis heute als „Neil Young Archives“ (NYA) online zur Verfügung zu stellen, geht der experimentierfreudige Musiker noch ein Stück weiter. Nun geht es nicht mehr nur um die perfekte Sound-Qualität (auch wenn die Lieder Youngs nach Ankündigung in verschiedenen Klangqualitäten verfügbar sein sollen), sondern um den für alle Zeiten verewigten Zugang zum Werk eines der größten Singer-Songwriter. Natürlich kündigte Young auch gleich an, dass es noch jede Menge Songs geben werde, die bisher kein Mensch außer ihm selbst gehört hat. Doch das alleine macht dieses Unternehmen noch nicht so bedeutend.

Musiker und Hörer würden wieder mehr zusammenrücken

Wirklich revolutionär ist vielmehr die Absicht, den Graben zwischen Musikproduzent und Musikkonsument wieder so klein wie möglich zu machen. Noch gibt es keine Details, wie die „Archives“ tatsächlich vermarktet werden, doch anzunehmen ist, dass es sich um ein Abo-Modell handelt. Statt also wie auf Spotify und Apple Music auf den Katalog von Millionen von Künstlern zuzugreifen, bekommt man für einen bestimmten Betrag die Chance, alle Songs und möglicherweise noch weiteres Material wie Videos, Bilder, Texte eines einzigen Musikers jederzeit zur Verfügung zu haben.

Im Grunde handelt es sich dabei um den feuchten Traum eines jeden wahren Fans: eine tiefe Verbindung zwischen Künstler und Rezipient, die von keinem Plattenlabel sabotiert wird. Wartezeiten gibt es nicht mehr, denn alles könnte sofort im Netz bereitstehen.

Wenn dieses Projekt Schule macht, so könnte es in einer Welt, in der Musik dank Streaming und Downloading längst konsumiert wird wie Leitungswasser (und entsprechend den kleineren Musikern immer weniger Umsatz verspricht), zu einer Renaissance eines passionierten Musikhörens kommen. Man stelle sich nur vor, dass Bands wie Coldplay oder Musiker wie Ed Sheeran, aber auch deutlich kleinere, gleichwohl allerdings hochklassige Acts wie Ron Sexsmith, Spoon oder Laura Marling nicht mehr nur ihre Alben wie gewöhnlich zu einem bestimmten Termin in den verschiedensten Formaten veröffentlichen, sondern ihre treuen Hörer mit einem Online-Abonnement zu Begleitern ihrer Karriere machen.

Jede Demo, jede Live-Erfahrung könnte sofort geteilt werden. So würde die Ära der Bootlegs – von einigen Musikaficionados ganz sicher romantisch verklärt, von den meisten Musikern, die am Ende des Monats etwas mehr Geld auf dem Konto haben wollen, natürlich verdammt – im 21. Jahrhundert von einem Tag auf den anderen zu Ende gehen. Sehr, sehr viele aufgezeichnete Konzerte könnten dem zahlungswilligen Fan für einen Monats- oder Jahrespreis auf dem digitalen Silbertablett präsentiert werden. Es wäre nur ein mögliches Angebot von vielen.

Neue Alternative

Natürlich spricht noch viel gegen solch ein marktwirtschaftliches Modell, schließlich könnte es die ökonomische Hoheit der Plattenfirmen gefährden, weil sie als Mittler zwischen Produzent und Konsument wegzufallen drohen. Doch könnten sie ihren Teil dazu beitragen, dass sie neben der konservativen Vermarktung von Platten und Singles für Gelegenheitshörer (auch neugierig gemacht von jenen Hypes, die zum Geschäft einfach dazugehören) einem gewiss leidenschaftlichen und daher möglicherweise auch zahlungswilliger Kreis von Hörern den direkten Draht zu ihren Idolen anbieten können.

Neil Young, der immer noch rastlose und von brennender Neugier getriebene Songwriter, könnte mit seiner ungewöhnlichen Online-Retrospektive im 51. Jahr seiner großen Laufbahn als Musiker so sein größtes Meisterwerk abliefern.

Genesis vs. Peter Gabriel: ‘Sledgehammer’ gewinnt gegen ‘Invisible Touch’ in den US-Charts

Warner
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel