Neill Blomkamp Chappie

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Das Spektakelkino ist schuld. Vielleicht hat uns die Inflation computergenerierter Zukunftswelten, hyper­realistischer Superheldenabenteuer und grotesk hochgepitchter Weltuntergangsfantasien einfach verdorben. Wenn das Unvorstellbare plötzlich möglich wird und auch noch so echt aussieht, als könnte man es vom
Kinosessel aus berühren, bleibt kaum mehr Raum für die Imagination. Dann hat die kühle Ratio auch in die Fiktion Einzug gehalten. Was soll man also von einer (zugegeben hanebüchenen) Geschichte halten, in der ein Computernerd einen Roboter mit Hasenohren und mit einem künstlichen Bewusstsein entwickelt, das man mit einer Chipkarte sekundenschnell in andere Roboterkörper einspeisen kann? Vor 30 Jahren wären Steven Spielberg, der subversive Joe Dante und selbst ein grundsolider John Badham für einen Film wie „Chappie“ wahrscheinlich gefeiert worden, man hätte ihren Einfallsreichtum und ihre Originalität gelobt. Genau genommen hat Badham tatsächlich mal einen ähnlichen Film gedreht. Er hieß „Nummer 5 lebt!“, verhält sich zu Neill Blomkamps dritter Regiearbeit, „Chappie“, allerdings wie „Krieg der Sterne“ zu „Starship Troopers“.

„Chappie“ wurde zum Kinostart von der Kritik ziemlich einhellig verrissen, was vielleicht auch mit seinem Regisseur zusammenhängt. Blomkamp galt nach seinem Low-Budget-Debüt, „District 9“, als hoffnungs-
voller Action-Auteur mit einem selten gewordenen Faible für handgemachte Spezialeffekte und Science-Fiction als sozialer Allegorie. Der Nachfolger, „Elysium“, sah schon wesentlich teurer aus und verfügte mit Matt Damon und Jodie Foster über zugkräftige Hollywoodstars. Erste Kritiker mäkelten da bereits über die Holzhammerbotschaft einer Zweiklassengesellschaft, die sich buchstäblich in Himmel und Erde teilte. Sie verkannten aber auch die satirische Ader Blomkamps, der sich ähnlich wie sein Vorbild Paul Verhoeven sehr kalkuliert einer wenig subtilen Symbolik bedient. Beim dritten Film verlor ein Großteil der Kritiker die Geduld mit dem ewigen Talent: zu wenig smarte Sozialkritik, zu viel Sentimentalität.

Man könnte „Chappie“ als Familienfilm bezeichnen, auch wenn Blomkamps Handschrift unverkennbar ist. Im Prinzip geht es um die Regression der Familie als letzter Rettung für die Menschheit. Das klingt nach Spielberg-Schmalz mit einem Schuss Sarkasmus. Die Hauptfiguren sind ein Roboter mit dem Bewusstsein eines Kindes und zwei in grotesken Erwachsenenkörpern gefangene Kinder. Der Roboter wird  von Sharlto
Copley gesprochen und im Motion-Capture-Verfahren verkörpert; das Gangsterpärchen spielen die bizarren Kunstfiguren Ninja und Yolandi Vi$$er, besser bekannt als White-Trash-HipHop-Band Die Antwoord. In deren Händen landet der nach einem missglückten Polizeieinsatz schwer beschädigte Chappie. „Rejected“ steht auf seiner Stirn – Ausschuss. Chappie gehört zu einer neuen Generation von Polizeirobotern, die zur Säuberung der südafrikanischen Ghettos eingesetzt werden. Sein Konstrukteur, Deon, benutzt
den aussortierten Chappie heimlich für Experimente mit einer evolutio­nären künstlichen Intelligenz, die Möchtegerngangster brauchen den willenlosen Roboter – „Robot Gangster Number One“ nennt Ninja ihn – als Komplizen für einen Überfall.

Es gibt noch einen zweiten Konflikt, der die fragile Familienkonstellation gefährdet und für einen Blomkamp-Film unverzichtbar ist: Deons Rüstungskonzern beschäftigt einen Ex-Soldaten (Hugh Jackman, mit Goldkettchen und Vokuhila), der einen eigenen Prototyp entwickelt hat. Dem klobigen Gerät, unverkennbar eine Hommage an das Vorgänger­modell von Verhoevens RoboCop, mangelt es allerdings an sozialer Intelligenz. Es ging nie in Serie und wartet in einer Montagehalle auf seinen unvermeidlichen Einsatz. Derweil wird Chappie von seinen Ersatzeltern auf street credibility getrimmt, inklusive Gangsterposen und Homeboy-Slang.

Das klingt unglaublich blöd – wenn man „Chappie“ als ernsthafte Science-Fiction missversteht. Doch Blomkamp erzählt ein modernes Märchen unter den Bedingungen des Blockbusterkinos: die Bewusstseinsbildung einer Maschine, eine Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter als Ersatzfamilie. Dem Erfinder zivilisationskritischer Endzeitszenarien hat man so viel Optimismus als Hinwendung zum Kitsch krummgenommen. Dabei ist „Chappie“ nicht mehr als Blomkamps Idee von einer sozialen Utopie, in der es am Ende ordentlich kracht.

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