Ornette Coleman & Prime Time – Tone Dialing

E-Mail
Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Das Hier und Jetzt hat Ornette Coleman nie interessiert.

„Something Else!“ forderte er Ende der 50er Jahre mit seinem Debüt-Album, das Folgewerk war vielsagend „Tomorrow The Question“ betitelt. Einige Dekaden sind vergangen, und noch immer hat der agile alte Mann des befreiten Jazz eine Vision, für die sich junge Musiker schämen würden. Die sagen Avantgarde und meinen Novelty, Coleman sagt Avantgarde und meint das Andenken einer Utopie.

Klar, das lädt dazu ein, ihn als Spinner zu verspotten. Schon weil es einfacher so ist. Plakative Songtitel wie „Ying Yang“ lösen Befremden aus, und die Beschäftigung mit dem, was Coleman einst „Harmolodic“ getauft hat, ist eine Qual. Sein Studio heißt so und seine Plattenfirma auch, aber eigentlich verbirgt sich hinter dieser Wortschöpfung eine komplexe Weltanschauung. Und der Künstler selbst will sie der Menschheit bestimmt nicht didaktisch vermitteln. War ja auch noch schöner: Mit dem Erscheinen des Albums „Freejazz“ 1960 den Jazz endgültig von seinen Fesseln befreien, um danach seinen Anhänger vom Lehrerpult eine Heilslehre einzuprügeln.

Nun gut, es bleibt schwierig mit Ornette Coleman. Doch wer dranbleibt, wird belohnt. Fürstlich belohnt. Die neue CD markiert nichts Geringeres als eine weitere Phase in seinem Zivilisierungsprozeß der Welt. Was unter „Tone Dialing“, so der Titel des Werks, genau zu verstehen ist, erklären die Liner Notes: eine Klangerfahrung von Musik in der gegenwärtigen Wahrnehmung einer Gesellschaft, die zur ethnischen Zivilisation aller Bewohner dieser Welt wird.

Solche Ausführung mögen nach Theorie klingen, finden aber in den Kompositionen eine äußerst sinnliche Entsprechung. Und zwar nicht in Form von Ethno-Pop-Ausbeuterei. Sie wissen schon: Man nehme eine hübsche Harmonie und gieße ein paar exotische Geräusche darüber. Nein, Colemans Idee wird unspektakulärer, aber auch sehr viel effektiver umgesetzt. Und ein weiteres Mal lautet die Losung: Enthierarchisierung.

Das zentrale Stück des Werks ist „Search For Life“. Mit ihm nähert sich Coleman dem, was zum Beispiel Guru und Jazzmatazz seit einigen Jahren ohne Erfolg versuchen: der Verschmelzung von Rap und Jazz. Hier gibt kein rhythmisch redundanter Gesang den Beat vor, in den der Instrumentalist dann brav ein paar Schnörkel hineinimprovisieren darf, und umgekehrt nutzen die Instrumentalisten den Gesang nicht als Klangkulisse, vor der sie sich beliebig ausbreiten dürfen. So wird das freie Miteinander der verschiedenen Vokal-Linien, der Bässe und Gitarren, der Schlaginstrumente und des Saxophons zum Politikum. Es wird unmittelbar eingelöst, was die Lyrics fordern: wenn nicht die Auflösung von Rollen und Funktionen, so doch immerhin deren Neubestimmung.

Ornette Colemans Musik war nie so anarchisch, wie es einige vernagelte Gesellen gerne hätten. Es ging ihm nie um die Auflösung sämtlicher Regeln, sondern immer nur um deren radikale Reflexion. Die zeitigt auch auf „Tone Dialing“ seltsame Folgen. So wird Bachs Cellosuite in G-Dur vom Gitarristen zuerst notennah runtergebetet, um schließlich dem flirrenden Spiel Colemans übergeben zu werden. Ähnlich ist „When Will I See You Again“ strukturiert. Anfanglich wird die Ballade allein von Bradley Jones auf dem akustischen Baß gezupft, später franst sie in der ungebundenen „Harmolodic“-Interpretation aus.

Der Titelsong rumort massiv, als sei er in der Session eingespielt worden, in der einst „Freejazz“ aufgenommen wurde – dabei ist er keine zwei Minuten lang. Diese Herangehensweise ist symptomatisch für den Coleman der 90er Jahre. Freiheit wird innerhalb sehr genauer Koordinaten entwickelt und definiert, oft fühlt man sich an die Zeit von „Tomorrow b The Question“ erinnert. Und erstaunlicherweise verbreiten nicht wenige Kompositionen federleichte westafrikanische Vibes.

Das wird mir zwar jetzt wahrscheinlich keiner glauben, aber mit „Tone Dialing“ hat Ornette Coleman auch eine Pop-Platte aufgenommen.

E-Mail