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Bettina Blümer Parcours d’Amour



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Michel ist ein Gentleman, wie er im Buche steht. Sanft geleitet er die Damen, mit denen er seine Nachmittage verbringt, zu Tisch, und bestimmt führt er sie über das Parkett. Sein nobler Charme macht ihn zu einem der begehrtesten Herren in den Pariser Seniorenclubs. In deren schummrig-rotlichtige Atmosphäre hat sich „Prinzessinnenbad“-Regisseurin Bettina Blümer für ihren neuen Dokumentarfilm, „Parcours d’Amour“, begeben. Sie zeichnet ein berührendes Porträt von fünf Senioren, die aus ganz unterschiedlichen Beweggründen diese Tanz- und Kuppelclubs frequentieren.

Michel etwa hat aus seiner Wirkung auf Frauen ein Geschäftsmodell entwickelt. Für 60 Euro die Stunde kann man den eloquenten „Taxiboy“ buchen, kleine Lehreinheiten in Sachen Standardtänze inbegriffen. Aber wehe, eine seiner Tanzpartnerinnen tritt ihm auf den Fuß oder kommt ihm im Übermut zu nahe. Dann wird aus dem Charmeur ein kleiner Derwisch, der empört Haltung einfordert. Bei Gino kann den Damen das nicht passieren, denn der ergraute Narziss geht vor allem wegen der kleinen, unverbindlichen Zärtlichkeiten in Clubs wie das Le Memphis.

Männer wie Michel und Gino sind Nutznießer der Einsamkeit, die so manche Dame ihres Alters überkommt. Wie Christiane, die in ihrem Leben schon einige Rückschläge in Liebesdingen hinnehmen musste. Tief in ihrem Innern wartet sie noch auf den Mann fürs Leben, der aber nicht kommen will. Also echauffiert sie sich vor ihrer Freundin Michelle über oberflächliche Lüstlinge und fummelnde Rentner – deren Nähe sie dennoch sucht.

Die Spielarten der Liebe im Alter sind vielfältig, wie Andreas Dresens „Wolke 9“ oder Michael Hanekes „Liebe“ zeigen. Bettina Blümers Doku reiht sich zwischen diese cineastischen Glanzstücke ein. Mit ihrer zurückhaltenden Beobachtung gelingt ihr ein authentisches, manchmal auch skurril-komisches Abbild der ungezwungenen Suche nach Zärtlichkeit und Sex im Alter, ohne dabei die tief sitzende Einsamkeit ihrer Protagonisten zu verheimlichen.


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