Prince and The Revolution: „Around the World in a Day“ – Expanded

Prince’ „Around the World in a Day“-Reissue sorgt für Streit: kaum Archivschätze, aber ein radikal mutiges Album bleibt zeitlos relevant

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Das gab es noch nie: Eine Expanded Edition, die nicht mit Begeisterung, sondern einem Shitstorm empfangen wurde. „Around the World in a Day“ erscheint als Remaster – und viele sind wütend. Warum? Vor bald zehn Jahren verstarb Prince. Die Kritik an seinen Nachlassverwaltern, ein Netzwerk aus Erben mit unterschiedlichen Ansprüchen, wächst stetig. Bis zu 1.000 fertig produzierte Songs sollen im Prince-Archiv lagern. Dazu bis zu 8.000 Skizzen und Alternativfassungen bekannter Lieder. Jedes Reissue, so der Wunsch seiner Anhänger, solle möglichst viele dieser Schätze präsentieren. Wir leben ja auch nicht ewig, also bitte alles raus, so schnell wie möglich.

Allerdings sind erst vier Deluxe-Editionen plus zwei Demo-Alben seit Prince‘ Tod erschienen. Darunter Prachtboxen wie zu „Sign O‘ the Times“, aber auch schmale Digipaks wie zu „Purple Rain“ (das der Meister allerdings noch selbst kompilierte). „Around the World in a Day“ ist aus verschiedenen Gründen ein extrem wichtiges Prince-Album. Dieses Reissue enthält zwar keinen Song, der noch nicht auf dem Markt ist. Aber vielleicht sollten wir mal tief durchatmen. Von David Bowie ist seit seinem Tod noch kein einziger unbekannter Song veröffentlicht worden. Und Bruce Springsteens „Tracks 2“-Box aus diesem Jahr enthält Platten, von deren Existenz wir nicht mal wussten. Ist das fairer?

Die Studiojahre 1983 und 1984, die zu „Purple Rain“ und „Around the World in a Day“ führten, zählen zu den produktivsten des Prince. Biograf Duane Tudahl hat ein 600 Seiten starkes Standardwerk dazu verfasst, in dem zig Aufnahmen gelistet sind. Zu den unveröffentlichten Liedern gehören das Funk-Instrumental „Paisley Park“, die „1999“-Frühfassung von „Raspberry Beret“, eine kalifornisch statt indisch klingende Version des „Around the World in a Day“-Titelsongs, Alben für The Family, The Time oder Sheila E., deren Guided Vocals von Prince hier wunderbar als Bonusstücke gepasst hätten.

Mutiges Album, umstrittenes Reissue

Die stattdessen 13 beigefügten Songs sind Single-Edits sowie zwei Darbietungen des „USA für Africa“-Songs „4 The Tears in Your Eyes“. Zumindest die epischen Maxi-Versionen der vier Singles, darunter die 22-Minuten-Fassung von „America“, zeigen seine Band The Revolution auf ihrem Höhepunkt: Sie haben so lange weitergespielt und improvisiert, bis das Aufnahmetape zu Ende war.

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Dies ist also ein 5-Sterne-Album als 4,5-Sterne-Reissue. Und vielleicht das mutigste Album, das ein Superstar je aufgenommen hat. „Purple Rain“ war der Meilenstein des Funk-Rock, vereinte Springsteen und James Brown. „Purple Rain 2“ wäre eine Option gewesen, die Sicherheit versprach. Doch verwendete Prince, gerade mal zehn Monate später, exotische Instrumente wie Oud und Darbuka. Die Platte beginnt mit einer Schlangenbeschwörerflöte, präsentiert mit „Raspberry Beret“ erst nach 17 Minuten und drei Stücken einen Uptempo-Song und endet mit einem Zwiegespräch mit Gott, der ihn zum Tode verurteilt.

Prince, flehentlich: „Love is more important than sex / Now I understand / I have to go now / I don’t know when I’ll return / Goodbye.“ Es war sinnbildlich der erste Schritt der „Emancipation“ vom Label, über die er Jahre später noch sang.

Auf dem wimmeligen Cover der gemalten Blumenkinder fehlte Prince. Darauf angesprochen zeigte er auf die Leiter im Bild: Da stand ich und bin auf ihr in den Himmel gestiegen. Er drohte mit dem Karriereende. Man nahm das ernst damals, aber er ein törichtes Genie war Prince nicht. Elf Monate später schon würde das nächste Album erscheinen. Und wenn wir Glück haben, erscheint 2030 die Mega-Box von „Around the World in a Day“.