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Prince The Black Album

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“So you found me / Good, I’m glad / This is Prince / The cool of cools”. Puh. “Der Coolste der Coolen”. Meinte er das ernst? Solche Titel hören sich eher nach Schulhof-Held an. So führt er sich hier auch auf. Zirka zwei Minuten lang hält Prince das Strophe-Refrain-Schema durch, dann bricht der Partyfunk aus, und der Mann ruft nur noch in die Menge. Wer weiß, wer da alles mit ihm in Studio gewesen ist, aber der Chor an Call-and-Response-Stimmen schwillt immer wieder bedrohlich an, unterbrochen nur durch den Drumcomputer. Das Cover verrät nichts über die Party: Es ist eine, abgesehen von den Produktinformationen, schwarze Hülle.

“Le Grind” ist der Opener der “Funk Bible”, besser bekannt als “The Black Album”. Dass das Stück auseinanderbricht, ist symptomatisch für die ganze Platte, vieles versandet in Effekten, Gewimmel, in einer großen Feier, die der Hörer nur von außen mitbekommt, oder dessen Codewörter er nicht versteht. Und das soll jene Platte sein, die über viele Jahre zur meistbegehrten, nur auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Nicht-Veröffentlichung führte?

Es sagt einiges über den Stellenwert von Prince Ende der 1980er-Jahre aus, dass das “Black Album” schon früh den Legendenstatus erhielt. Als Warner Bros die Platte für kurze Zeit 1994 in den Handel brachte – wahrscheinlich, damit Prince seinen 1992 hoch dotierten Platten-Vertrag mittels abgelieferter Veröffentlichungen erfüllen konnte – war diese limitierte Edition schnell vergriffen. Heute werden in Sammlerbörsen noch immer tausende Euro für die 1987er-Vinylfassungen geboten, peach oder black, selbst die 1994er-Vision rangiert dort hoch. Gleichzeitig kursieren unzählige, absurd anzusehende Fälschungen (Foto von Prince als Hologramm-Cover!) in den Plattenläden, die ebenfalls horrende Preise veranschlagen; eine Infoseite hat sich deshalb gar zum Ziel gesetzt, Originale und Kopien zu identifizieren. Wer ein superduperhundertprozentig echtes “Black Album” besitzt, entführt zum Beispiel aus dem WEA-Werk in Deutschland, darf noch immer einen Schatz sein Eigen nennen.

Zumindest, was den Geldwert angeht.

Das “Black Album” befand sich 1987 bereits im Presswerk, als Prince die Veröffentlichung der LP mit acht Songs zurückzog. Über die Gründe für den Stopp gibt es keine vom Musiker selbst bestätigte Aussage. Diejenige von den meisten Vertrauten als glaubwürdig betrachtete Theorie ist die “Ecstasy-Theorie”. Demnach habe Prince eine Pille genommen und einen schlechten Trip erlebt. In einer Vision habe er die Stücke der Platte als bösartig wahrgenommen. Für diese Theorie spricht einiges. In einem späteren Interview gab der damals 29-Jährige zu Protokoll, dass er Angst empfunden habe, den Menschen für das “Black Album” in Erinnerung zu bleiben, falls er kurz nach Veröffentlichung sterben sollte.

Sicher handelt es sich bei dieser “Bibel” um seine bis heutige aggressivste Platte. Stärker als je zuvor äußern sich hier Wut und Frustration. Warum? Man muss sich Prince 1987 auf dem Höhepunkt seiner Potenz vorstellen – dennoch durfte er nicht mehr machen, was er wollte. Nach dem Mega-Erfolg von “Purple Rain” (1984) hat Prince drei herausragende Alben veröffentlicht, die Kritiker liebten ihn mehr denn je, Michael Jackson sah nur noch die Rücklichter: Aber jedes seiner Werke verkaufte sich schlechter als die davor. Die Plattenfirma äußerte Bedenken, dass Prince zu viele Alben in zu kurzer Zeit veröffentlichte, und schritt nun erstmals ein. Sein Wunschprojekt “Crystal Ball”, eine Dreifach-LP, musste er zusammenkürzen zu “Sign ‘O’ The Times”, einer Doppel-LP.

Diese Platte, nur neun Monate vor dem “Black Album”-Termin erschienen, sollte für viele Rezensenten zum Referenz-Werk des Genies werden. Prince selbst hat lustigerweise “Sign ‘O’ The Times” nie wirklich gemocht. Kein Wunder, die Scheibe wurde ja schon vorab beschnitten, das muss ihn bei jeder Präsentation oder Lobhudelei geärgert haben. Nach der Auflösung seiner Band “The Revolution” 1986 standen zudem etliche LPs in der Warteschleife, die bis heute nicht das Tageslicht erblicken sollten: “Roadhouse Garden” und “Camille” sind die bekanntesten.

Es hatte sich einiges angestaut, das kompakte “Black Album” sollte für klare Herrschaftsverhältnisse sorgen. Umso erschreckender, wie enttäuschend das Material war. “Cindy C.” war aus demselben Holz geschnitzt wie “Le Grind”. Sexelei in allen Tonlagen, Jauchzen in verschiedenen, gepitchten Stimmen, am Ende versucht Schlagzeugerin Sheila E. die Lage noch mit einem Rap zu retten. Der klingt wie vom Blatt abgelesen, das macht es nur noch schlimmer. “Cindy C.” hat seinen Wert als Zeitdokument, Prince schrieb es – chancenlos – als Hymne an die damals 18-Jährige Cindy Crawford.

Den Offenbarungseid leisten zwei der folgenden Stücke. “Dead On It” war Prince’ erster HipHop-Song. Gedacht als Parodie auf ein immer populärer werdendes Genre, zu dem der Musiker selbst keinen natürlichen Zugang hatte, klang das Ergebnis albern, nicht lustig, dazu unprofessionell: “Negros from Brooklyn play the bass pretty good /But the ones from Minneapolis play it like it oughta should”. In Prince-Biografien gibt es sehr witzige Passagen, in denen die Aufnahme von “Dead On It” beschrieben wird. Prince rappt, von sich selbst überzeugt, los – die Tontechnikerin hinter der Scheibe traut sich nicht einzugreifen, sondern vergräbt den Kopf in den Händen.

Ähnlich bemüht war “Bob George”, ein Spoken-Word-Track über einem Maschinengewehr-Beat, in dem Prince die Rolle eines herumballernden Musik-Impressarios einnimmt, über sich selbst herzieht (“that skinny motherfucker with the high voice”) und am Ende, angekündigt durch Polizeisirenen, ins Gras beißt. Der Titel spielt auf “Bob” Cavallo an, Prince’ ehemaliger Manager, sowie Nelson “George” ein Musikjournalist, der dem Sänger vorwirft, sich zu weit von seinen afroamerikanischen Wurzeln entfernt zu haben. Und was macht Prince? Antwortet, wütend, mit diesem Hörspiel, das sich keinem so recht erschließt. Bei der “Lovesexy”-Tournee im nächsten Jahr ließ er es sich jedenfalls nicht nehmen, ausgestattet mit überdimensionierter Lollipop-Sonnenbrille und das Mikro im Griff wie eine Knarre, über die Bühne zu hetzen. Die Band musste sich Polizeimützen aufsetzen und Gitarrenhälse auf ihn richten, als seien es Gewehre. Wie die Hampelmänner.

Das alles hatte Prince, 1987 noch immer der beste Musiker des Jahrzehnts, nicht nötig gehabt. Vielleicht kam er ins Stolpern, weil er mit dem “Black Album” wieder auf die Meinung von Kritikern reagieren wollte. Und nicht nach vorn, sondern zur Seite blickte, wie sechs Jahre zuvor auf “Controversy”. Vielleicht hatte er auch den Atem des HipHop, die Musik der nachrückenden Generation, im Nacken gespürt.

Vom “Black Album” schaffte es ein einziger Track, “When 2R In Love” auf das stattdessen, sechs Monate später veröffentlichte “Lovesexy”-Album. Ein Werk, mit dem es Prince ein letztes Mal gelingen sollte die Kritiker umzublasen, und das ihn 1988 zumindest in Europa zum meist gefeierten Künstler werden ließ. Auch “Lovesexy” hatte lange Songs, aber ausufernd waren sie nie.

Neben der “Ecstasy-Theorie” zur Nichtveröffentlichung des “Black Album” kursiert übrigens noch eine weitere populäre: Prince soll rechtzeitig vor Veröffentlichung erkannt haben, dass die Platte einfach nicht seinen Ansprüchen genügt.

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