Highlight: Michael Stipes erstes Interview nach der Trennung von R.E.M.

R.E.M. Collapse Into Now


Warner VÖ: 04. März 2011

Kein Geringerer als Elvis Costello, bekannt als Connaisseur bedeutender U- wie E-Musik, bekundete einst im Interview, dass ihm die frühen R.E.M. noch immer am besten gefielen, als er noch nicht verstanden habe, worüber Michael Stipe singe. Seither gehört diese konservative Lesart zum Tenor selbst ernannter Geschmackshüter. Vielleicht werden jene bei “Collapse Into Now“ wieder genauer hinhören, weil R.E.M. hier zu gleichen Teilen aus den drei Jahrzehnten ihres Werks schöpfen – und dabei kaum gegenwärtiger klingen könnten.

Es beginnt mit einem Paukenschlag. “Discoverer“ ist ein lärmendes Stück Rock. Stipe bellt den Refrain wie einen Schlachtruf: “I can feel that just the slightest bit of finesse/ Might have made a little less mess/ But it was what it was/ Let’s all get on with it now/ Discover.“ “All The Best“ hat die Entschlossenheit, die auf dem letzten Album “Accelerate“ noch arg angestrengt wirkte. Doch erst die Berlin-Hommage “Überlin“ – mit der Zeile “We walk the streets to feel the ground I’m chasing: Überlin“ – bringt den Knoten zum Platzen. Das Stück ist eine federleichte Variation von “Drive“.

Natürlich wird R.E.M. hier wieder der Vorwurf des Selbstzitats ereilen. Aber mal Hand aufs Herz: R.E.M. waren in keiner Phase ihrer Karriere Rückwärtsgewandte, denen es ausschließlich darum ging, ihren Sound zu konservieren. Sie haben nie den geringsten Widerstand gewählt, sind nie den leichten Weg in den Kommerz gegangen. In jüngster Vergangenheit bekannten Peter Buck und Mike Mills sogar selbst ihre Unzufriedenheit über einige Studio-Resultate. Ja, sie schienen mit der Gesamtsituation unzufrieden, und manchmal war das schwer erträglich. Dabei sind sie eines der erstaunlichsten Komponistenduos, das die Popmusik in den letzten 30 Jahren hervorgebracht hat. Buck, der kreativ Umtriebige, und Mills, der stille Arrangeur.

Mit “Collapse Into Now“ ist R.E.M. nicht der ganz großer Wurf geglückt. Dafür ist es ein mutiges und gelungenes Freispiel. Nicht verhalten und blass wie “Around The Sun“ und ohne die peinliche Jetzt-oder-nie-Juvenilität von “Accelerate“. Am ehesten kann man das Album mit “New Adventures In Hi-Fi“ vergleichen, das nach “Monster“ in einer ähnlichen Schaffensperiode erschien. Paral-lelen lassen sich auch zu “Out Of Time“ und “Lifes Rich Pageant“ ziehen. “Mine Smell Like Honey“ beleiht melodisch “Cuyahoga“, “It Happened Today“ atmet die Ausgelassenheit von “(Don’t Go Back To) Rockville“. Die typischen Erkennungsmerkmale – Stipes stakkatoartiger Vortrag, Mills’ beseelter Backgroundgesang, Bucks oszillierendes Gitarrespiel – das Trio trägt sie hier selbstbewusst zur Schau. Umso überwältigender sind die Passagen und Wendungen, die man nicht erwartet, etwa die zeitlos schöne Ballade “Walk It Back“ oder das flotte “That Someone Is You“ im Dinosaur-Jr.-Gewand. Immer wieder kehren sie hier zu den Uptempo-Nummern und den verzerrten Gitarren zurück, als wollten sie sagen: “Wir bereuen nichts!“ Gibt auch keinen Grund.

“Blue“ ist schließlich die überflüssige Noise-Reprise als Zwilling von “E-Bow The Letter“ samt Patti Smith. Eine Platte wie “Automatic For The People“ zu wiederholen, scheint der Band nicht in den Sinn zu kommen. Für alle, die darauf warten, ist “Collapse Into Now“ ein Trostpflaster. 

>>>> Hier geht’s zum Webwheel.


ÄHNLICHE KRITIKEN

R.E.M. :: Monster

Große Jubiläums-Box mit Demo- und Live-Versionen

R.E.M. :: At The BBC

Auf großen und kleinen Bühnen und im Studio: Die beste Band der Welt

R.E.M. :: Up

Es gilt als das Album, mit dem alles schlechter wurde. Dabei vereint „Up“ die letzte große Songsammlung von R.E.M.


ÄHNLICHE ARTIKEL

COMMITMENT: „Ich bin stolz darauf, meine Sexualität nie verborgen zu haben.“

Sich auf dem Höhepunkt der Karriere outen? Keine so einfache Sache. Michael Stipe hat es trotzdem getan und ist noch heute stolz darauf.

R.E.M.s „Monster“: Gedanken zu einem ungeliebten Album

Zerfaserte Melodien, keine Mandolinen mehr und eine diffuse Verneigung vor Grunge und Glam: Mit „Monster“ gingen R.E.M. 1994 einen neuen Weg. Die Intimität und Dringlichkeit dieser roh anmutenden Songs wurde aber oft verkannt.

Michael Stipe im Interview: „Alles was ich sehe, ist wundervoll. Moment. Tote Vögel würde ich nicht fotografieren“

R.E.M.-Sänger Michael Stipe über seinen neuen Fotoband, Rauschzustände bei Kindern, die Unmöglichkeit zum Glühfaden zu werden – und ob sich Kunst in Gut und Böse einteilen lässt.


Schon
Tickets?

COMMITMENT: „Ich bin stolz darauf, meine Sexualität nie verborgen zu haben.“

Vor 25 Jahren standen R.E.M. auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und waren eine der größten Bands der Welt. Nach ihren gefeierten Alben „Out Of Time“, „Automatic For The People“ wählte Sänger Michael Stipe diesen Gipfel, um sich als homosexuell zu outen. Ein Schritt, der ihn „bis heute stolz macht.“ Stipe: Verfechter der Chancengleichheit https://www.youtube.com/watch?v=xwtdhWltSIg Ein Jahr nach „Don´t Ask, Don´t Tell“ (einem Grundsatz, der es Soldaten der US-amerikanischen Armee untersagte, gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Öffentlichkeit zu führen) und ein Jahr bevor Präsident Clinton den Defense of Marriage Act unterzeichnete, der die Ehe als zwischen Mann und Frau definierte, sagte Stipe…
Weiterlesen
Zur Startseite