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Scott Walker Bish Bosch


4AD/Beggars

„Wenn Scheiße Musik wäre, dann wärst du eine Blechbläserkapelle“: Das ist zweifellos die schönste musikalische Beschimpfung des Jahres; sie findet sich in einem überaus bunten Strauß schöner Schmähworte, Beleidigungen und Flüche in einem Lied mit dem griffigen Titel „SDSS 1416+13B (Zercon, A Flagpole Sitter)“ auf „Bish Bosch“, der neuen LP von Scott Walker.

„Wenn Gehirne Regen wären, dann wärst du eine Wüste!“ Scott Walker kann sich vor lauter Schimpflust gar nicht mehr beruhigen in diesem Stück, das einerseits von einem verwachsenen maurischen Zwerg am Hofe des Hunnenkönigs Attila handelt, der seinen Herrn mit obszönen Tiraden erheitert und dabei im Jahr 449 nach Christus von dem oströmischen Historiker Priscus beschrieben wird. Zum anderen geht es darin um „braune Zwerge“ – kosmische Objekte, die kürzlich erst mit den modernen Mitteln der Radioastronomie entdeckt werden konnten und bei denen es sich um Sonnen handelt, die so kühl sind, dass man sie kaum noch als Sonnen bezeichnen kann. Mehr als 20 Minuten dauert dieses Stück, in dem Walker mit kunstvoll gequetschtem, flach ausgewalztem und dann wieder ungesund aufgeblasenem Bariton über Hitze und Kälte, Zwerge und Riesen, Hofnarren, Könige und Sonnen singt; manchmal stammelt er nur die Silben „Bar“, „Bar“ und „Barbar“ – also gerade das, was ein oströmischer Historiker einst von der Sprache der Hunnen zu verstehen glaubte –, oder er schweigt. Und auch dabei gibt er sich besondere Mühe: Die Schweigepassagen wurden nach Auskunft des Künstlers sowohl in analoger wie in digitaler Form aufgenommen und dann zusammengemischt.  Man kann das als therapiebedürften Unfug ansehen oder als avantgardistischen Pop mit philosophischem Erkenntniswert. Bei Scott Walker – und das ist das Tolle an seiner Musik – gibt es zwischen diesen scheinbaren Alternativen keinen Unterschied mehr.

Deutlicher noch als auf seinen vorigen Platten geht es auf „Bish Bosch“ darum, wie Sinn sich aus Unsinn formt und unentwegt wieder zum Unsinn sich zurückzuentwickeln droht; wie Sprache sich aus dem Stammeln erhebt; wie der Gesang sich die Sprache zu eigen macht und zugleich deren Wesen, die Verständigung zwischen den Menschen, der reinen Schönheit des Ausdrucks opfert. Immer noch singt Scott Walker mit der bestgeformten, dramatischsten Stimme, die man sich vorstellen kann.

Aber was er singt, ist so abstrakt wie noch nie. Er rezitiert römisch notierte Zahlenreihen, oder er singt – in „The Day The ,Conducator‘ Died“ über die Erschießung des rumänischen Tyrannen Nicolae Ceausescu – einen Multiple-Choice-Bogen vor, mit dessen Hilfe der eigene Hang zu paranoid-diktatorischem Verhalten erkannt werden kann. Dazu werden Macheten in rhythmischer Weise gewetzt, in „Corps De Blah“ bellen Hunde den Beat, manchmal wobbelt darunter ein Dubstep-Bass.

„Bish Bosch“ ist mithin ein überaus heiteres Album, weitaus heiterer als das lichtlose Vorgängerwerk „The Drift“ aus dem Jahr 2006: Es ist die Heiterkeit des Hofnarren, der keinen Witz, keinen Fluch und keine Wahrheit mehr zu fürchten braucht, weil die Sprache der Wahrheit, in der er singt, ohnehin keiner versteht, außer ihm. 


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