Slime: Sich fügen heißt lügen (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Slime Sich fügen heißt lügen


People Like You/EMI VÖ: 15. Juni 2012


von

Arabischer Frühling, Occupy Wall Street, Stuttgart-21-Proteste: Wenn Menschen überall auf die Straße drängen, um gegen Ungerechtigkeiten zu protestieren, dürfen die Hamburger Altpunks Slime natürlich nicht fehlen. Sie verstanden sich schon immer als Sprachrohr der Unterdrückten, als die Frontschweine der Antikapitalismus-Bewegung.

Dass sie sich auf ihrem Comeback-Album „Sich fügen heißt lügen“ bei den Texten des von Nazis ermordeten Anarchisten Erich Mühsam bedienen, ist zumindest originell. Alle Songs stimmen ein Loblied auf die Freiheit an, sind Hymnen der Unbeugsamkeit. „Freier Mut gebiert die Tat“ heißt es zum Beispiel in „Freiheit in Ketten“, „Freiheit und Recht stehn auf der Schanze/ Sieg oder Tod – jetzt geht’s ums Ganze“ grölt Dirk Jora in „Wir geben nicht nach“, der Slime-Interpretation von Mühsams „Trutzlied“.

Die Bürgerschreckprosa ins Stücken wie „Lumpen“ oder „Zum Kampf“ verpacken Slime allerdings in ziemlich altbacken-spießige Punkrock-Gassenhauer, die die letzten 30 Jahre verschlafen haben. Zwar bemüht sich die Band darum, den Sturm-und-Drang-Verve von 1979 wiederzubeleben, klaut auch mal hübsch bei den Dead Kennedys („Rebellen“), bekommt in „Seenot“ eine Parabel auf die Wirtschaftskrise hin, die nichts mehr mit der gleichnamigen Ballade Mühsams gemeinsam hat. Trotzdem wirkt dieser überhetzte Punkrockgestus fast noch antiquierter als Mühsams Sprache. Zum Aufpeppen des Gemeinschaftskundeunterrichts aber unbedingt brauchbar.

Beste Songs: „Rebellen“, „Seenot“


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