The Beatles: „Let It Be – 50th Anniversary“ – Zeugnis des Zerfalls



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Total stimmig, dass die Edition zum 50. Geburtstag des Beatles-Albums „Let It Be“ mit einem Jahr Verspätung erscheint – schließlich erging es dem Original auch nicht anders. Zur Erinnerung: Die Beatles gingen im Januar 1969 in die Twickenham Film Studios, um sich von US-Regisseur Michael Lindsay-Hogg bei den Sessions zu ihrem neuen Album filmen zu lassen. Das Projekt trug den Titel „Get Back“, denn sie wollten mit Film und Album zurück zu ihren Anfängen als Live-Band.

Aber die Gruppendynamik hatte sich verändert, die persönlichen Eitel-, Begehrlich- und Empfindlichkeiten waren gewachsen, und es stand mehr auf dem Spiel als zu Beginn der Sechziger, als sie vor betrunkenen Seeleuten und Rotlichtmotten in den Clubs auf St. Pauli spielten. So entzündete sich an diesem Projekt ein Kampf um Macht und Kontrolle, der sich nicht auf den künstlerischen Bereich beschränkte.

Mit dem fertigen Produkt, einem von Toningenieur Glyn Johns zusammengestellten Album mit dem Titel „Get Back“, war schließlich nur der Initiator Paul McCartney zufrieden. Da noch kein Verleih für den Film gefunden war, nahmen die Beatles mit „Abbey Road“ gleich das nächste Album auf, wenig später verließ John Lennon (inoffiziell) die Band, gründete die Plastic Ono Band und betraute schließlich Phil Spector mit der Verschlimmbesserung der „Get Back“-Aufnahmen. Daraufhin verließ McCartney offiziell die Band, und als das Album schließlich als „Let It Be“ erschien, gab es die Beatles bereits nicht mehr.

Dass die „Get Back“-Sessions sehr viel freudvoller und harmonischer verliefen, als es diese Backstory vermuten lässt, soll Peter Jackson in seiner dreiteiligen Dokumentation „Get Back“ zeigen, die Ende November auf Disney+ anlaufen wird. Die „50th Anniversary Edition“ von „Let It Be“ scheint da nur ein Appetizer zu sein, der nicht zu viel preisgeben soll. Denn die Beigaben, die es neben dem neuen, gewohnt klaren und leicht modernisierten Mix des Albums von Giles Martin in dieser Box auf fünf CDs/vier LPs zu hören gibt, sind ein wenig enttäuschend: zwei CDs/LPs mit unveröffentlichten Versionen der „Let It Be“-Songs und einigen Stücken, die später auf „Abbey Road“ und den ersten Soloalben landen würden; ein paar Jams und Gesprächsfetzen aus dem Studio; das von Glyn Johns mit wenig Gespür für Dramaturgie zusammengestellte „Get Back“-Album in der Version vom Mai 1969; und eine CD/EP mit zwei unveröffentlichten JohnsMixen von „Across The Universe“ und „I Me Mine“ sowie zwei neuen MartinMixen von „Don’t Let Me Down“ und der Singleversion von „Let It Be“.

Das Dach-Konzert mit nur einem einzigen Song vertreten? Unverzeihlich

Dafür dass die Beatles bei den Sessions etwa 400 verschiedene Songs anspielten, geht man beim Kauf dieser Box also mit einer recht geringen Ausbeute nach Hause. Dass auf der beigegebenen Blu-ray zwar der neue Stereo-Mix des Albums in 96 kHz/24 bit sowie 5.1-Surround-Sound- und DolbyAtmos-Mixe zu hören sind, es aber den „Let It Be“-Film nicht zu sehen gibt, ist bedauerlich; dass dessen Finale, das berühmte Konzert auf dem Dach des Apple-Büros an der Savile Row, auch im Audio-Teil nur mit einem einzigen Song vertreten ist, ist unverzeihlich.

Natürlich gibt es trotz aller Einschränkungen fabelhafte Momente: Billy Preston, wie er mit Lennon und Starr jammt; McCartneys und Lennons Call-and-Response-Gesang auf „Oh! Darling“, in das Letztgenannter die frohe Kunde von Yoko Onos endlich vollzogener Scheidung einbaut; Starr, der seinen amüsierten Kollegen „Octopus’s Garden“ vorstellt; und Harrison, der mit der Band „All Things Must Pass“ einstudiert, das „very Band-y“ (also nach The Band) klingen soll und das am Ende auch tut.


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