The End … :: Das zweite Album der herben deutschen Gothic-Chanteuse

Wenn denn „All Tomorrow’s Parties“ tatsächlich „a mesmerizing gothic-rock masterpiece“ war (der Meinung ist Kurt Loder), dann darf man Nico wohl als so etwas wie die Patin der ganzen Gattung betrachten. Angeblich war das auch Andy Warhols Lieblingssong auf dem Velvetunderground-Debüt. Als Superstar seiner Factory behandelte er sie auch dann noch, als ihre Solokarriere als Sängerin bei Verve Records nicht so recht in die Gänge kam. Jim Morrison, Tim Buckley und Joe Boyd schätzten sie, deswegen nahm Jac Holzman sie unter Vertrag.

Anlässlich der Veröffentlichung von „The Marble Index“ gab Warhol eine Party – stilvoll mit „wine, supper and dancing“ nach Vorstellung der LP. Trotz ihrer notorischen Junkie-Karriere der kommenden Jahre war Richard Williams (Manager für Island Records) der Auffassung, man sollte dem Ex-Model mit der so manchen Mann vereinnahmenden Aura ihrer Unzuverlässigkeit zum Trotz noch einmal die Chance geben, eine Solo-LP aufzunehmen. Als Produzent fungierte praktischerweise zum dritten Male der kürzlich bei derselben Firma untergekommene John Cale.

Vielleicht waren es die kryptischen Texte, auch beim sehr persönlichen Nachruf auf Liebhaber Jim Morrison („You Forgot To Answer“), die teils gespenstischen an Gothic Horror gemahnenden, spontan erfundenen Arrangements oder die schwere Kost, die damals ihr Vortrag bei „Das Lied der Deutschen“ mitsamt der ersten Strophe und der Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ bedeutete – da halfen auch die prominenten Begleiter und alle Bemühungen von John Wood (am Mischpult im selben Studio wie bei den Nick-Drake-Aufnahmen) und PR-Anstrengungen nicht: Die LP war ein so komplettes kommerzielles Desaster, dass viele Jahre niemand mehr auf die Idee kam, Nico ein neues Album zu finanzieren.

Ob das alles so genial war, was Brian Eno, Phil Manzanera und Cale improvisierend auf mehr als einem Dutzend Instrumenten zu den teils sprechgesungenen und deklamierten Texten beisteuerten, mag sich auch bei erneutem Hören nicht mit letzter Gewissheit erschließen. Noch mehr Kultteil als das in der schieren Klasse der Songs überlegene Solodebüt, fand die Platte dennoch mit den Jahren glühende Bewunderer, die sie als Höhepunkt und Abschluss einer Trilogie gegen alle Verächter vehement verteidigen.

Bei den BBC-Mitschnitten auf der zweiten CD der neuen Luxus-Ausgabe war die Sängerin nicht nur stimmlich in viel besserer Verfassung als bei manchen später publizierten Live-Platten. Die zeichnen sich auch durch einen angenehm professionell aufgezeichneten Klang aus. Das gilt auch für die beiden am 1. Juni 1974 beim Promo-Auftritt im Rainbow Theatre mitgeschnittenen Aufnahmen. (Island/Universal) franz schöler

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