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The Flaming Lips Embryonic



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Die kunterbunten Kindergeburtstage, die Wayne Coyne mit seinen Flaming Lips in den vergangenen Jahren auf den Konzertbühnen dieser Welt feierte, werden jetzt wohl noch skurriler wirken. Lang anhaltender Konfetti-Regen und ein Sänger, der in einer riesigen durchsichtigen Plastikkugel gutgelaunt durchs Publikum kullert, passen einfach nicht zu einem so bösen Album wie „Embryonic“.

Nach der Trilogie „The Soft Bulletin“, „Yoshimi Battles The Pink Robots“ und „At War With The Mystics“, die in einem heiter fluoreszierenden und sehr melodischen Space-Rock schwelgte, geht es nun zurück zum kaputten Irrsinn der frühen Tage. Es knirscht, röhrt, schreit und wütet – allerdings in einem erweiterten Songformat und mit immer wieder überraschenden Melodien. Neu ist ein hypnotischer Funk-Einfluss, der sich in sehr rhythmischen und stets psychedelischen Stücken Bahn bricht. Einiges auf „Embryonic“ hätte auch auf dem letzten Album von Portishead eine gute Figur gemacht. Selbst wenn die Band John Lennon, Miles Davis und Joy Division als Einflüsse nennt.

Gleich das erste Stück, „Convinced Of The Hex“, lässt Steven Drozd und Kliph Scurlock an zwei Schlagzeugen die Voodoo-Trommeln rühren. Wayne Coyne spielt dazu einen wüst verzerrten Bass, nachträglich addierte „Hi-Fi-Computer Overdubs“ sorgen für eine irritierende Soundkulisse. Wie eine ganze Reihe von Songs ist auch „Convinced Of The Hex“ inspiriert von „Der Nachtportier“. Der Film der Regisseurin Liliana Cavani schildert die sadomasochistische Beziehung zwischen dem überlebenden Opfer eines Konzentrationslagers mit einem ihrer ehemaligen Peiniger, einem SS-Offizier. Wayne Coyne war fasziniert von dem Themenkomplex Erniedrigung, Obsession, Grausamkeit und der Möglichkeit, dabei so etwas wie Vergnügen zu empfinden. Auch im schwer und langsam dröhnenden, später jedoch süß und lieblich endenden „Evil“ versuchen die Flaming Lips, die Faszination des Bösen zu ergründen.

Ja, es geht düster zu auf diesem Album, und die Band aus Oklahoma war nicht mehr so experimentierfreudig seit der Vierfach-CD „Zaireeka“ – alle vier CDs müssen gleichzeitig abgespielt werden, um in den vollen Genuss der Musik zu kommen. „Aquarius Sabotage“ beginnt mit einer stark verzerrten Noise-Improvisation, entwickelt sich aber innerhalb weniger Minuten zu einem Ambient-Paradies. „Worm Mountain“ basiert wie viele der Songs wieder auf einem spontanen Jam, der Sound ist mehr als heavy, und im Hintergrund singen und rasseln die Flaming Lips-Fans von MGMT. Auch Karen O, die Sängerin der Yeah Yeah Yeahs, ist bei zwei oder drei Songs zu hören, meist mit lustigem Geschrei. Auf „Watching The Planets“, dem letzten Song des Albums, singt sie mit Coyne und Drozd eine Mischung aus lärmendem Mantra und tribalistischem Klagelied. Coyne schreibt dazu: „A final revelation that celebrates the power of nature and implies that the only laws worth obeying are the laws one makes for oneself. Experience is the only tea-cher…“

Und damit lassen uns The Flaming Lips alleine mit einem Album, das mit jedem Hören ein bisschen weiter wächst. Sehr mutig, sehr abgefahren. Wir sind schon jetzt gespannt auf den Auftritt beim „Rolling Stone Weekender“.

Jürgen Ziemer


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