The Magnetic Fields „Realism“



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Nicht nur in der Neuen Leipziger Schule hat die Kunst zum Realismus zurückgefunden. Auch der große amerikanische Songwriter Stephin Merritt hat anscheinend Gefallen an dieser wirklichkeitsbezogenen Kunstauffassung gefunden und das neue Album seines Ensembles The Magnetic Fields schlicht und einfach „Realism“ getauft.

Für „Distortion“, ihr letztes Werk vor zwei Jahren, kopierten die Magnetic Fields noch den hochstilisierten Noise-Pop-Sound des The Jesus And Mary Chain-Debüts „Psychocandy“ und ertränkten die Lieder in Verzerrung und Feedback. Für „Realism“ gehen sie nun in die entgegengesetzte Richtung: Sie wechseln ins authentische Folk-Genre und lassen ihre akustischen Instrumente – Geige, Banjo, Akkordeon, Cello, Flügelhorn, Sitar, Tuba usw. – klingen, wie Gott sie schuf.

Die Alben bilden also anscheinend ästhetisch und nominell ein Gegensatzpaar und sind durch ein ironisches Spiel um Original und Fälschung, Wahrheit und Blendwerk, Authentizität und Künstlichkeit miteinander verbunden. Aber natürlich wird beim Hören ziemlich schnell klar, dass die Einordnung der beiden Werke in diese Kategorien nicht so einfach ist, wie es zunächst scheint – spätestens wenn im vorletzten Song von „Realism“ ein fiependes Feedback den Technikapparat hinter dem vermeintlich Handgemachten entblößt.

Seit seinen Anfängen bestimmt in Merritts Werk die gewählte Form auch stets den Inhalt der Songs, und so singen er und seine momentane Lieblingssängerin, die unterkühlte Shirley Simms, auf diesem „Folk-Album“ nun von hootenannys, dem harten Leben und der Natur. „And I have heard/ The singing of real birds/ Not those absurd birds/ That simply everybody’s heard.“ Die Vögel sind also echt, die Blumen allerdings nur gemalt: „I’m only drops of paint in a silver frame/ Without an aim and without a name/ Gathering dust, every day just the same/ Every day just the same.“

Während sich die Protagonisten der „Distortion“-Songs noch von allerlei Rauschmitteln (Alkohol, Liebe, Religion, Sex) den Blick vernebeln ließen, sind die Charaktere auf „Realism“ auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. „You can’t go round just saying stuff/ Because it’s pretty/ And I no longer drink enough/ To think you’re witty.“ Die Illusionen über den Ex sind zerplatzt, die Liebe ist vorbei und die schwangere Braut steht verlassen und lamentierend vor dem Traualtar. „Seduced and abondoned/ And what can I do?/ I think I might drink a few“, singt Merritt in der Rolle der Unglücklichen.

Aber ist das wirklich die Wirklichkeit oder doch nur ein böser Traum? Eine Illusion oder – wie die Magnetic Fields an einer Stelle in deutscher Sprache nahe legen – „eins große Tannenbaum rotierend im Weltraum-Geschicht“? Natürlich nicht. Es ist die Welt des genialischen Liedschöpfers Stephin Merritt. „If I could walk, I’d walk away/ But I haven’t slept since yesterday/ The ink is sinking, the page is blurred/ And I can’t read a single word./ But know that I love you/ Know that I wrote/ My last words to you/ From a sinking boat.“

Mit den Augen und Ohren von Stephin Merritt kann einem Realismus ziemlich fantastisch er­scheinen.(Nonesuch/Warner)

Maik Brüggemeyer

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