The Rolling Stones A Bigger Bang

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Jetzt kriegt er uns am Ende wohl doch noch, der Blues, die alte Lederhand, die freilich wieder nur ein Handschuh ist, in dem die Knochenklaue von Keith Richards steckt. Man kann ja durchaus Stones-Freund sein, ohne größeres Interesse an langen Slide-Gitarren-Improvisationen und Harp-Gehoppel zu haben, doch hier kommt „Back Of My Hand“: ein knirschendes, trödelndes Pseudo-Delta-Blues-Stück, im Rückgrat nur ein Maraca-Rascheln, Gitarren, die links und rechts grummeln und splittern. Mick Jagger quengelt und summt geil durch die Nase, die Harmonika flackert penetrant.

Es wirkt vielleicht komisch, wenn man ausgerechnet diese dreieinhalbminütige Skizze herausgreift: Etwas so Tolles haben die Stones trotzdem seit über 20 Jahren nicht gemacht. „A Bigger Bang“, erstes Studio-Album seit acht Jahren, ist für Fans ein wahres Fest, natürlich kein Bettler-Bankett, aber die Belohnung für jeden dämlichen Reggae, jede schlecht beratene Technik-Anbiederung und jede hingeschluderte „Satisfaction“-Version, die man treu ausgehalten hat.

Die Frustration über enervierende Großproduktionen mit Stargästen und Multi-Overdubs sei der Grund gewesen, sagt Jagger, warum die Rumpf-Band vergleichsweise informell und simpel im Keller in Frankreich aufgenommen hat. Daß diese Art von Selbstbesinnung längst ein Klischee ist, das auch Drecks-Bands wie der Black Rebel Motorcycle Club bemühen, wissen die Stones möglicherweise nicht. Zu loben bleibt auch nicht das Prinzip, schlicht das Ergebnis. Der Klang, die Dynamik, die trockene Schärfe dieser Platte ist phänomenal. „Bridges To Babylon“ von 1997 wirkt wie ein verblasenes Muffeln dagegen.

Die elefantesken Ansprüche herunterzuschrauben, die das Lebenswerk dieser Band und höchstens noch 1981 die Platte „Tattoo You“ gesetzt haben, bringt freilich niemandem etwas: Was man bei den Stones noch als Songwriting bezeichnen kann, ist hier allenfalls solide. Die Slowdown-Single „Streets Of Love“ („The lamps are lit, the moon is gone/ I think I crossed the Rubicon“) fällt unter Kitsch, das umstrittene Anti-Bush-Lied „Sweet Neo Con“ unter grimmig-hohle Provokation. Umso erstaunlicher, was für einen unheiligen Drive die meisten Sachen trotzdem entwickeln: der Rhythm’n’Blues-Strut „She Saw Me Coming“, auf dem die Gitarren rasseln wie Bronchitis-Lungen, der schwüle Funk-Stampf „Rain Fall Down“, das direkt ins Gesicht explodierende, euphorisch gegreinte „Oh No, Not You Again“, auf dem man hört, wie blendend der arme Charlie genesen ist.

Mick Jagger ist sich wie gewohnt für kein Over-Acting zu schade, stürzt in „Laugh, I Nearly Died“ binnen Minuten vom leisen Soul-Flattern ins exaltierte Jodeln, hält sich im bittersüß-trotzköpfigen „Let Me Down Slow“ im Zaum, ein weiterer Höhepunkt. Daß die Stones auch in Herbstform eine souveräne, kunstfertige Rock’n’Roll-Band sind, daran hat nie jemand gezweifelt. Daß sie ein Ding so gelassen nach Hause schaukeln wie „A Bigger Bang“, ist dennoch eine Überraschung. Die kleine Bühne, auf der sie bei Stadionkonzerten „Midnight Rambler“ spielen, wo man ihnen auf die Gitarrenfinger gucken kann, gibt es jetzt auf Platte.

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