The Rolling Stones: „Black and Blue“ – Jäh geschrumpft

Die Band testet Anwärter für den Posten des zweiten Gitarristen

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Im Dezember 1974, am Vorabend des Fluges nach München, wo die Stones das Musicland Studio gebucht hatten, nahm Mick Taylor plötzlich seinen Abschied. Jäh zum Quartett geschrumpft, erklärte die Band die anstehenden Sessions zu Auditions. Es galt, die Vakanz zügig zu füllen, zumal die Planung für die nächste Mammut-Tour durch Amerika bereits weit fortgeschritten war. An Kandidaten für den wohl begehrtesten Job des Musikbetriebs fehlte es nicht. Ry Cooder und Eric Clapton wurden angefragt, Nils Lofgren, Rory Gallagher und Peter Frampton antichambrierten in eigener Sache, über Monate wurde in den Medien gemunkelt und spekuliert.

Die zum Vorspielen geladenen Gitarristen konnten unterschiedlicher kaum sein. Harvey „The Snake“ Mandel beherrschte sämtliche Blues-Licks im Schlaf, Wayne Perkins aus Alabama hatte Southern Rock-Credentials, Jeff Beck und Ron Wood teilten dieselben Wurzeln im Brit-R&B, die Qual der Wahl zog sich hin. Perkins war ein früher Favorit, wurde von Keith Richards eingeladen, sich das Stones-Repertoire mit ihm draufzuschaffen, auch Fotos der Stones featuring Perkins wurden gemacht, um die Kompatilibiltät in Image-Fragen zu überprüfen.

Eine Disziplin, die dann freilich Ron Wood locker für sich entschied. Dabei war er bei den Aufnahmen kaum zum Zug gekommen, indes Mandel auf „Memory Motel“ glänzte und Perkins auf „Hand Of Fate“, den beiden mit Abstand besten Cuts des Funk-Rock-Reggae-Soul-Albums. Am Ende bekam der Kumpel aus England den Zuschlag, zum Glück, with the benefit of hindsight.

Der Remix des Prog-erprobten Steven Wilson ist vorhersehbar allzu definiert, die Signale zu säuberlich getrennt, zulasten von Dichte und Wucht. Die Outtakes-LP bietet mehr Funk und Disco sowie drei feine, völlig fettfreie Jams mit Jeff Beck. (Polydor/Universal)