Tina Dico „A Beginning, A Detour, An Open Ending“



von

Gut, dass es Künstler gibt wie sie. Die einem ehrgeizigen, aber doch leicht konsumierbaren Pop-Album wie „Count To Ten“ eine sperrige Dreifach-EP folgen lassen, um zur Seite gelegte „kleine“ Folksongs nicht durch das Rost fallen zu lassen. Lieder, die sich diesem digitalen Imperativ widersetzen, der alle Grautöne negiert und Komplexes auf richtig oder falsch, gut oder schlecht reduziert.

Die Storytellerin aus Arhus beobachtet, sich und andere. Sie beschreibt, einfühlsam und ohne jedes entwürdigende Mitleid. Ihre Figuren sind Menschen, nicht Chiffren für Verhaltensweisen, Überzeugungen oder seelische Deformationen. Wenn sie von ihrer alten Freundin erzählt, die Jahre nach seinem Abschied noch nachts auf seinen Anruf wartet, sind ihre Empathie und der Horror mit Händen zu greifen („Friend In A Bar“).

Die unvermeidlichen Dichotomien des Lebens kennt und akzeptiert sie. Wenn sie in „London“ die große Freiheit ihrer Wahl-Heimatstadt besingt, erkennt sie die auch schmerzhafte Anonymität als kreativ wirksamen Kontrast. Die ewigen Nachbeben einer ohne gefühlte Klärung beendeten Liebe („He Doesn’t Know“), die qualvolle Janusköpfigkeit großer Gefühle („Heaven And Hell“), das schale Gefühl nach einer missglückten sexuellen Begegnung („Magic“)- alles das schildert sie melancholisch und nachempfindbar, ohne Rachsucht, ohne Bedauern und ohne Anzüglichkeit.

Die musikalische Umsetzung hält dieses Format, gerade weil sie niemals auf Perfektion setzt. Auf der Grundlage ihrer ungekünstelten Altstimme und eleganter Countryfolk-Patterns auf der Akustikgitarre entwickelt Tina Dico wenig ranschmeißende Stücke, die durch wame, analoge Klänge von Synthies, Bass, Percussions und einer vorsintflutlichen Telefon-Wählscheibe („Walls“) den langen Atem bekommen. Wirklich gut, dass es welche gibt wie Tina.

(Finest Grammophone/Indigo)

Rüdiger Knopf


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