Tom Petty & The Heartbreakers Southern Accents


MCA


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Es hätte so schön werden können, doch am Ende blieb „Southern Accents“, das sechste Studioalbum von Tom Petty & The Heartbreakers, ein gescheitertes Experiment. Ein Konzeptalbum über die amerikanischen Südstaaten schwebte Tom Petty vor, am Ende aber wurde „Southern Accents“ ein synthetisches 80er-Rockalbum. Nicht zuletzt deshalb, weil mehrere Produzenten in ihrer Uneinigkeit die Roots-Suppe verdorben und die zum Teil famosen Songs unter einer denkbar unpassenden „Thriller“-Produktion vergraben haben.

Nach dem etwas enttäuschenden „Long After Dark“ vergingen drei Jahre bis zur Veröffentlichung von „Southern Accents“ . In dieser Zeit arbeiteten Petty und die Heartbreakers fieberhaft daran, mit einem großen Wurf zurückkehren. Dafür wurde neben The-Band-Kopf Robbie Robertson und Jimmy Iovine auch David A. Stewart, damals durch den enormen Erfolg der Eurythmics ein gefragter Mann für die Produktion erfolgreicher und zeitgeistiger Sounds, ins Team geholt. Was letztendlich eine unglückliche Wahl war.

Im Rückblick scheint es recht offensichtlich, dass Stewart, ein Synthpop geschulter Brite, nicht der Richtige sein konnte, um Tom Pettys amerikanische Südstaatenromantik auf Platte zu bringen. Damals allerdings wollte man nicht den Anschluss an den Klang der Stunde verlieren und auf einer Welle reiten, auf die ein halbes Jahr zuvor auch Bruce Springsteen mit „Born In The U.S.A.“ sehr erfolgreich aufgesprungen war: die Übersetzung einer amerikanischen Rock ’N’ Roll-Attitüde in den Kontext von Stadionrock, Synthesizern und MTV.

Und so beginnt das an sich grandiose „Don’t Come Around Here No More“ mit einer Mischung aus grässlicher Bassdrum und seltsamer Synthiemelodie, „Make It Better (Forget About Me)“ klingt wie eine schlechte B-Seite, die Tom Petty besser im Karibikurlaub vergessen hätte und „It Ain’t Nothing To Me“ ist schlicht peinlich. Auf der anderen Seite hätte wohl kein Produzent der Welt die Wucht des Openers „Rebels“ zähmen können, hat „Mary’s New Car“ einen tollen Groove und bleibt der Titelsong als einziger relativ unberührt vom effekthascherischen Spektakel und strahlt so eine zeitlose Melancholie aus.

Gerade die Auswahl der Tracklist ist ein Ärgernis: Auf dem 1995 erschienenen Raritäten-Boxset „Playback“ sind einige Songs aus den damaligen Sessions zu hören, die es am Ende nicht auf „Southern Accents“ geschafft haben. Man kann im Ansatz nachvollziehen, welch verpasste Gelegenheiten hier warteten: Das tolle „Trailer“ ist mit seiner Mundharmonika und der dezenten Slide-Guitar die Folk-Rock-Essenz dessen, was Petty am Besten kann. Die raue Rocknummer „Crackin Up“ und das countryeske „The Image Of Me“ sind zwar Fingerübungen, atmen aber den Geist der musikalischen Traditionen des amerikanischen Südens und hätten „Southern Accents“ stimmig abrunden können, wären sie zu Ende gedacht worden.

Es hat daher etwas zähneknirschendes, „Southern Accents“ anzuhören, weil in jedem Moment offensichtlich ist, dass Petty und seine Heartbreakers nichts von ihrem rasiermesserscharfen Zusammenspiel und der einnehmenden Dynamik eingebüßt hatten, die frühere Platten so furios machten. Trotzdem bleibt das Album insgesamt weit hinter Großtaten wie „Damn The Torpedos“ und „Wildflowers“ zurück. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Petty für diese beiden Alben mit Jimmy Iovine und Rick Rubin jeweils einen Produzenten fand, mit dem er zielgerichtet und ohne Umwege seine Vision umsetzten konnte. „Southern Accents“ jedoch klingt eben deshalb unausgegoren, weil wahlweise David A. Stewart, Mike Campell, Robbie Robertson oder Jimmy Iovine mit Petty an den Songs arbeiteten. Dass die Kombination aus Heartbreakers-Gitarrist, britischem Hitproduzenten und Roots-Archäologe mitsamt deren grundverschiedener Herangehensweise nicht zu einem schlüssigen Gesamtkonzept führen konnte, war eigentlich vorprogrammiert.

Und so bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Ende der Achtziger sollte Tom Petty ohne die Heartbreakers auf „Full Moon Fever“ nochmals den Versuch unternehmen, seinen Sound in poppigere Gefilde zu überführen – dieses Mal mit mehr Erfolg, kommerziell wie künstlerisch. „Southern Accents“ aber ist im Zwangskorsett des pompösen 80er-Sounds gefangen. In einer idealen Welt würden irgendwann in einem Archiv Tonbänder mit der Aufschrift „Southern Accents – Alternative Mix“ auftauchen, auf denen die Songs in all ihrem schroffen Americana-Staub erstrahlen. Aber diese Tom Pettyschen „Basement Tapes“ werden wohl ein Traum bleiben.


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