Highlight: Die besten Live-Alben des Rock: 5 Platten, die ihr Geld wert sind

The Chemical Brothers Dig Your Own Hole


Aus ROLLING STONE 04/1997

Die Chemical Brothers sind Pop-Stars, aber das Scheinwerferlicht nervt sie. Noch immer stehen Tom Rowlands, der Dünne mit den dicken Brillengläsern, und der stets verschmitzte Ed Simons einigermaßen ratlos der Tatsache gegenüber, daß sich die Menschen während ihrer Auftritte erwartungsvoll in Richtung Bühne drehen, obwohl da doch nur zwei Typen sind, die in Sportswear hinter einem Haufen Blechbüchsen rumpuscheln. Anders ihre Kollegen von Orbital und Underworld und Prodigy, die ebenfalls Techno spielen, aber Rock meinen und deren Namen stets in einem Atemzug genannt werden. Die sind Unterhalter reinsten Wassers und bedienen das Publikum, indem sie es anfeuern – oder doch zumindest sich selbst in geiles Licht tauchen. Rock-Entertainment ist das, klassisch. Aber Rowlands und Simons ist sowas fremd. Trotzdem: Niemand rockt wie die Chemical Brothers.

Und das mit denkbar wenig Rock. Gitarrenriffs finden sich nur wenige in ihrem musikalischen Inventar, Songs im herkömmlichen Sinn kommen bei ihnen eigentlich gar nicht vor – auch wenn sich die ganz und gar undogmatisch zu Werke gehenden jungen Männer diesen Tonträger Dingen keineswegs verschließen. Doch der Spannungsaufbau funktioniert bei ihnen nicht im herkömmlichen Sinne, weil der Höhepunkt fast immer schon mit dem ersten Ton erreicht ist und erst beim letzten zu Ende.

Neuronenreizung!

Das Duo schätzt die lederne Härte des Rock, aber die zaubert es aus dem Computer. Allenfalls das Pariser Rock-House-Ensemble Daft Punk, das ja gerne mal mit charmantem französischen Akzent „Rock’n’Roll“ skandiert, manipuliert derartig effizient und, jawohl, dreckig elektronische Datenträger wie die Chemical Brothers auf ihrem zweiten Album. „Dig Your Own Hole“, so der Titel, ist eine monumentale Neuronenreizung. Hart und berstend ist das, und Unterbrechungen gibt es fast gar nicht in diesem Nervenkitzel – einer der besten Tracks sagt „Don’t Stop The Rock“.

Doch irgendwann kollabiert auch das stärkste Nervensystem, und spätestens am Morgen danach fühlen sich die Muskeln wie Dörrfleisch an. In einem solchen Moment darf die moderne Folk-Musikerin Beth Orton, die auch schon auf dem ersten Langspielwerk mitgewirkt hat, als Gast singen. Ziemlich gegen Ende des Albums. In „Where Do I Begin?“, das auf ein paar wenige verhuschte Zeilen reduziert ist, beschreibt sie zu elektronisch verzerrten Folk-Akkorden einen dieser Sonntagmorgen, an denen man erwacht und wie vor dem Nichts steht – nach dem Rave, vor dem ersten Kaffee.

Natürlich, The Chemical Brothers sind auf ihre Weise Kinder der „Ravolution“. Einer Veranstaltung, die leider nicht nur Revolutionäres hervorgebracht hat. Wir erinnern uns: Ende der Achtziger erreichten amerikanische House-Rhythmen den Norden der Insel, Sheffield und Manchester wurden zum Epizentrum eines bodenerschütternden Booms elektronischer Musik. Und auf einmal wollten alle Gitarren-Combos des Königreichs ihre Songs mit Dance-Beats unterlegen, denn die Happy Mondays hatten vorgemacht, wie gut sich das anhören konnte. Noch heute müssen wir mit den Altlasten kämpfen. Primal Scream zum Beispiel dürfen weiterhin ihre frechen Crossover-Platten herausbringen, und Gott stehe uns bei, wenn Noel Gallagher von Oasis seine Drohung wahrmacht und Aufnahmen von Dance-Experimenten vergangener Tage aus dem Kabuff hervorkramt. Das würde jetzt natürlich gut passen.

Doch Gallagher sollte seinen Kredit nicht verspielen, schließlich hat er Ende letzten Jahres gemeinsam mit den Chemical Brothers die phantastische Single „Setting Sun“ herausgebracht, die es bis auf Platz eins der englischen Charts geschafft hat. Dabei ist das Stück nun wirklich alles andere radiokompatibel. Die kettensägende Sitar und Gallaghers flächigen chants sind natürlich auch noch einmal auf „Dig Your Own Hole“ zu hören.

Gehörgänge freiballern!

Manchester, einträchtig. The Chemical Brothers kamen Ende der Achtziger zum Studieren in die Stadt, besuchten dann aber doch lieber die Clubs als die Seminare. Ihre Verknüpfung von elektronischer Musik und Rock erschöpft sich deshalb auch nicht im koketten Anbandeln mit dem anderen Fach, wie es damals bei den Dance-verliebten Gitarrenheinis gleichsam spiegelverkehrt der Fall war. Die Affinität zum Rock verbindet sich bei den Chemical Brothers mit der Kenntnis derjenigen, die ihre Musik seit Anbeginn auf dem Computer spielen. Deshalb rockt ihre Musik – meist auch ohne einschlägige Samples. Nebensächliches existiert in dieser Musik nicht. The Chemical Brodiers – nichts ist Gimmick, alles Effekt.

Chemical
Die Chemical Brothers.

So wie dieser Baß, mit dem Simons und Rowland gleich am Anfang von „Dig Your Own Hole“ die Gehörgänge freiballern. Als werde er mit einer Betonplatte geslappt klingt das Eröffnungsstück „Block Rocking Beats“, das gleichzeitig die aktuelle Single ist. Auch die raren Stimmfetzen oder Piano-Einschübe oder Sirenen verhallen hier nicht in ihrem schönen Schein, sondern werden als Breaks eingesetzt, die den rhythmischen Strom nur um so massiver in seinen Bahnen mahlen lassen. Hochenergetisch, höchst funktional.

Nur ganz zum Schluß wird ordentlich rumgesaut. In „The Private Psychedelic Reel“ brechen bombastisch die Feedbacks über die Beats, als inszenierte hier eine klassische Rock-Band ihren Bühnenabgang. Da zeigen sich die beiden Schlakse in ihren Kapuzenpullovern das erste und das letzte Mal anfällig für die Rituale des Rock. Nun gut, Hauptsache, sie lassen das Spotlicht aus.

Gerrit Starczewski

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