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Wie ein weißer Vogel im Schneesturm Regie: Gregg Araki


Teenager sein nervt: Die Hormone spielen verrückt, der Körper macht merkwürdige Veränderungen durch und die Eltern benehmen sich – zumindest aus Sicht einer pubertierenden Göre – zunehmend erratischer. „Ich war 17, als meine Mutter verschwand – gerade als ich begann, nichts zu sein außer meinem Körper“, erzählt die 17-jährige Kat (Shailene Woodley) am Anfang von Gregg Arakis mysteriösem Coming-of-Age-Film „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“. Kat ahnt natürlich längst, was sie mit diesem Körper alles anstellen kann: Zum Beispiel den etwas unterbelichteten Phil (Shiloh Fernandez) aus dem Nachbarhaus gegenüber rumkriegen. Oder Detective Scieziesciez, der im Fall ihrer verschwundenen Mutter (eine maliziöse Eva Green) ermittelt.

Araki versteht es wie kaum ein anderer Regisseur, jugendliche Körper in Szene zu setzen. Bisher hat er diese Expertise vor allem bei der Inszenierung von gut trainierten Jungs bewiesen. Mit „Totally Fucked Up“ (1993) und „Nowhere – Eine Reise am Abgrund“ (1997) hatte er sich früh den Ruf eines Enfant terrible erworben. Selbst innerhalb des New Queer Cinema waren seine Filme immer eine Spur zu drastisch, zu grell – und vielleicht auch sexuell etwas zu polyvalent für ein schwules Zielpublikum. Das Pädophilen-Drama „Mysterious Skin – Unter die Haut“ (mit einer Paraderolle für den jungen Joseph Gordon-Levitt) ließ kurz erahnen, dass hinter Arakis exzessivem Stilwillen möglicherweise mehr steckte als bloß ein Faible für Provokationen. Nach seinem letzten Film – „Kaboom“, in dem die Welt in einem symbolischen Orgasmus in die Luft fliegt – schien allerdings klar, dass Araki einem John Waters immer näherstehen würde als einem Gus Van Sant.

„Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ bedeutet eine erneute Kehrtwende in dieser wechselhaften Karriere. Nach rein äußerlichen Kriterien zu urteilen (und ganz sicher nach denen Arakis) ist es ein Mainstreamfilm. Was vor allem heißt, dass der Sex hier heterosexuell ist. Außerdem ist seine Hauptfigur diesmal ein Mädchen, wobei man Araki zugutehalten muss, dass er – ähnlich wie Larry Clark – Mädchenkörper mit seiner Kamera genauso liebevoll umgarnt wie seine männlichen teenage hardbodies. Und mit Shailene Woodley, seit „Die Bestimmung“ und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ einer der hoffnungsvollsten (Jung-)Stars in Hollywood, und Shiloh Fernandez, von dessen Sorte man in Los Angeles wahrscheinlich an jeder zweiten Straßenecke einen trifft, verfügt er über zwei blendend aussehende Hauptdarsteller, die genau diesen blasiert-abwesenden Blick zwischen Langeweile und latenter Unsicherheit beherrschen, wie er für den Teenagerfilm in der Suburbia einmal stilbildend war.

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Arakis Figuren sind immer auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ hat tatsächlich eine flüchtige proustsche Qualität: Die Mädchenblüte kommt und geht, aber Kat behält bis zum Schluss ihre Unschuld – wenn auch nicht in sexueller Hinsicht. Dazu läuft auf der Tonspur der für Araki so charakteristische New Romantic/Shoegaze-Sound, der Kats fast tonloser Off-Erzählung eine somnambule Unschärfe verleiht: Cocteau Twins, The Cure, Psychedelic Furs, New Order, Everything But The Girl, The Jesus And Mary Chain.

Araki unterlegt seine Bilder plakativ mit dieser voluminösen Wall of Sound, aber Musik hat bei ihm nie die Funktion einer Klangtapete. Vielmehr bettet sie die unwirkliche Traumfotografie wie auf Zuckerwatte. Jedes Detail an Arakis Inszenierung ist durchschaubar, bis hin zu den bunten Interieurs von Kats Suburbia-Hölle, die wie ein Zitat aus einer Sixties-Sitcom aussieht. „Du kratzt an der Oberfläche“, beschreibt Kat ihr Leben, „und darunter kommt noch mehr Oberfläche zum Vorschein.“

Wie in jedem besseren Mystery-Thriller ist die Lösung des Geheimnisses auch in „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ zum Greifen nah – und dabei schwer zu bestimmen. Bei Araki bringt das mysteriöse Verschwinden der Mutter das Geheimnis der Jugend zum Vorschein. Die Oberfläche hinter der Oberfläche. Aber was sollen Teenager auch schon Tiefgründiges zu erzählen haben? Es reicht schon, wenn ein Regisseur wie Gregg Araki für ihre unartikulierten Gefühle und Selbstzweifel Bilder findet, die in ihrer kitschigen Schönheit an einen bösen Wachtraum erinnern.


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