Wilco Star Wars

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Mehr als vier Jahre sind vergangen, seit „The Whole Love“ erschien. In den zwei Dekaden ihrer Karriere haben Wilco noch nie so viel Zeit zwischen zwei Alben verstreichen lassen. Auch wenn es die wenigsten laut sagen wollten, war doch zu spüren, dass die Band an einem Umschlagpunkt angelangt war: Songs wie „Art Of Almost“ und „One Sunday Morning“ konnten eben nicht noch einmal wiederholt werden, zu bemüht und vielleicht auch einen Hauch zu elaboriert wäre das Ergebnis nach all den kunstvollen Sound-Experimenten der letzten Zeit ausgefallen.

Dreckiger und experimentiergetriebener

Seitdem sind die Musiker vielfach um die Welt gereist und haben sich noch verstärkter auf Solopfade begeben, als sie es früher eh schon taten. Außerdem nahm Jeff Tweedy mit seinem Sohn Spencer eine hochgradig intime Familienplatte auf. „Star Wars“, ohne Vorankündigung von einem Tag auf den anderen ins Netz gestellt, ist vom kecken Titel über das noch keckere Cover-Artwork mit niedlichem Kätzchen eine zottelige, forsche Angelegenheit geworden.

Mit „EKG“ geht es ohne Umschweife und mit dröhnenden Gitarren in die Vollen; eine rumpelnde Soundskizze ohne Ziel. Reichlich zersprungen beginnt auch „More…“, bis dann doch ein zärtlicher Folk-Refrain das Zepter übernimmt. Wilco klingen dreckiger, experimentiergetriebener als zuletzt, erlauben sich auch einmal, komplexe und vor allem betont raue Gitarrenspielereien wie „Pickled Ginger“ aus dem Spiel zu nehmen, bevor sie sich einer Pointe nähern. „You Satellite“ ist das eigentliche Herzstück dieser unruhigen Übergangsplatte, ein subtiler Krautrock-Song ohne Netz und doppelten Boden, der schließlich im Geräuschgewitter ertrinkt. Schon mit „Speak Into The Rose“, einem kühlen, repetitiven Instrumental, das als Bonus der Deluxe-Edition von „The Whole Love“ beigegeben war, hatte man diese Erweiterung des Stilrepertoires angedeutet.

Natürlich gibt es auch die gewohnten melancholische Vignetten, wie „Where Do I Begin“, bei dem Tweedy mit seiner Stimme geradezu ins Mikrofon hineinkriecht. Doch spätestens das herzzerreißende „Magnetized“ macht klar, dass diesmal der Referenzrahmen von Captain Beefheart über das „Weiße Album“ der Beatles bis hin zur Space-Oper im Stile Bowies noch wesentlich weiter gespannt wurde als bisher üblich. Die nun noch deutlich offensiver ausgespielten Progressive-Rock-Tendenzen stellen aber wohl den eigentlichen musikalischen Weitsprung dar.

Wilco wollen sich und ihre Fans überraschen

Natürlich gehört es erwähnt, dass „Star Wars“ zunächst kostenlos für jeden verfügbar gemacht wurde, der Lust hat, sich die neuen Songs anzuhören (auf der Website der Band standen sie zum Download bereit) – bevor sie nun zunächst auf CD und im Oktober als Vinyl-LP erscheinen. Das ist keine Revolution, nicht einmal ein Revolutiönchen. Zuletzt gingen sogar U2 diesen Schritt – und ließen sich dafür fürstlich von Apple entlohnen. So wie Jeff Tweedy den eigentümlichen Distributionsweg allerdings mit dem Spaß erklärt, einfach etwas zu tun, das zuvor niemand erwartet hätte, ist der durchaus mutige Schritt noch am ehesten als Versuch zu verstehen, sich selbst zu überraschen.

Von künstlerischer Krise kann dennoch keine Rede sein. Wie kaum eine andere Band verteidigen Wilco das Albumformat gegenüber der Versuchung, mit schnell Dahingeworfenem Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das gelingt nicht nur durch die Art, wie sie ihre Songs präsentieren, sondern vor allem, wie ihre LPs produziert werden. Auch „Star Wars“ funktioniert trotz seiner auffälligen Kürze von gerade einmal 33 Minuten (auf „A Ghost Is Born“ benötigten schon die ersten drei Lieder zwanzig höchst ereignisreiche Minuten) erst als organisches Ganzes richtig gut. Das allerdings ist nach den Meisterwerken der letzten Jahre absolut keine Überraschung.

 

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