Willie Nelson: Stardust (30th Anniversary Edition) (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Willie Nelson Stardust (30th Anniversary Edition)


Columbia


von

Jetzt ist klar, warum auf dem letzthin erschienenen Label-übergreifenden Box-Set nur ein einziger Song von diesem Megaseller auftauchte. Diese Edition von „Stardust“ war längst geplant, und unter merkantilem Aspekt ist auch einzig und allein verständlich, warum man mit Aufnahmen von diesem Album so geizte.

Die Liner Notes verschweigen nicht, dass man in der oberen Etage von Columbia Nashville stramm gegen das ganze Projekt war, weil man- damals zumindest noch- Country und Pop als zwei gänzlich andere Baustellen betrachtete. Dabei hatten es die zwei kurz vorher aus der „Waylon & Willie“-LP ausgekoppelten Singles zu beachtlichen Platzierungen in der Pop-Hitparade gebracht.

In gewisser Weise auch ein Tribute-Album wie im Jahr vorher „To Lefty From Willie“, dem Vernehmen nach auch inspiriert durch den Tod von Bing Crosby im Oktober 1977, war das auch Willies persönliche Verneigung vor den großen Croonern der amerikanischen Populärmusik von den 20er bis in die 50er Jahre- und damit die Blaupause für so ziemlich alles, was mit und nach Linda Ronstadts Erfolgsalbum „What’s New“ immer wieder an Standards-Material neu eingespielt wurde.

Anders als Linda hatte Willie keinen Nelson Riddle im Team, der noch einmal stilecht ein paar geniale Big-Band-Arrangements hätte entwerfen können. Er traute der- als Nachbar in Malibu wohnenden- Stax-Legende Booker T. Jones zu, dass der etliche originelle Ideen für die Aufnahmen beisteuern würde. Das waren durchweg berühmte Ohrwürmer, etwa das 1960 in der x-ten Cover-Version durch Ray Charles zum großen Pop-Hit avancierten „Georgia On My Mind“ oder das immer allseits beliebte, später auch mal von Sting in einer beachtlichen Aufnahme präsentierte „Someone To Watch Over Me“. Aber darauf, dass Hoagy Carmichaels oder Irving Berlins Evergreens es jemals auf Platz eins der Country-Hitparade schaffen würden, hätte vor diesem Projekt garantiert niemand bei Columbia oder anderen Firmen in Nashville auch nur einen müden Dollar verwettet.

Der Trick von Booker T. Jo-nes bei den Sessions im Homestudio von Emmylou Harris’ Produzent und Ehemann Brian Ahern: das Nostalgie-Element so weit wie möglich unterdrücken und austreiben! Statt reichlich Streichern also mehr akustische Gitarre, Harmonika und Piano, Bläser ganz dezent eingesetzt und den Sänger mit seinen Emotionen ganz ins Zentrum gerückt. Also genauso gegen alle üblichen Konventionen produziert, wie das auch einem Joel Dorn ganz genial bei den Standards, Pop- und Folk-Songs auf dem Debüt der göttlichen Miss Bette Midler gelungen war, dadurch alle Erwartungen aufs Angenehmste bravourös enttäuschend.

Auf wundersame Weise wurde so aus dem leicht angejazzten „All Of Me“ ein Country-Hit, der dritte der LP. Es ehrt Willie, dass er sich sogar an einen in der wohl doch definitiven Version vorliegenden Pop-Klassiker wie „Unchained Melody“ wagte. Den gab es vorher schon in einem halben Dutzend Hit-Versionen, von denen die letzte der Righteous Brothers Jahrzehnte später (im Patrick Swayze/Demi Moore-Fantasy-Melo „Ghost“) die erfolgreichste wurde. Viel Gefühl investierte aber Willie in die countrifizierte Fassung.

Die staunenswerteste, wohl auch größte Leistung der ganzen Platte dürfte allerdings der „September Song“ sein, Willies Sternstunde als melancholischer Crooner. Ein wenig kurios, warum er sich nicht noch einmal an demselben „Am I Blue“ versuchte, das er viele Jahre zuvor schon einmal aufgenommen hatte, als er auch schon nicht konform mit dem zeitgeistigen Country-Mainstream ging. Einmal durch den grandiosen Erfolg bestätigt, erlaubte er sich in den nächsten Jahren immer wieder mal, auf vergleichbares Songmaterial zurückzukommen; wobei er mit Arrangeur und Band oft jazzige Elemente einzuflechten verstand, obwohl selber nun wirklich kein Jazz-Sänger.

Deswegen machte er bei dem Django-Reinhardt-Tribut keine schlechte Figur, zog sich sogar bei „Mona Lisa“ (Platz elf der Country-Hitparade!) achtbar aus der Rolle, und die von Leon Russell coproduzierten Songs gehören alle zu den besten der Bonus-CD, auch seine Deutung des unsterblichen Ohrwurms „Tenderly“, die er ganz ähnlich vorträgt wie das einst von Johnny Ray mal fast hysterisch gesungene „Cry“: abgeklärter, aber doch innig.

Sehr informativ wie immer: Rich Kienzle in seinen Liner Notes bei diesem Set. (Columbia Legacy)


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