Ya Tseen
„Stand On My Shoulders“ – Lebendig
Sub Pop/Cargo (VÖ: 16.1.)
Atmosphärisch dichter Indie-Electro-Sound mit alaskischer Folklore.
Hinter Ya Tseen steht Nicholas Galanin, ein multidisziplinärer Künstler aus Sitka/Alaska. Seine Skulpturen, Fotografien, Druckgrafiken und Videoinstallationen umkreisen das Themenfeld indigene Identität und Vätertradition, aber sie sind auch – manchmal durchaus provokantes – politisches Statement zur allgemeinen Vergesslichkeit moderner Gesellschaften. Unter dem Namen Ya Tseen veröffentlichte Galanin Songs, zuletzt 2020 mit dem Album „Indian Yard“, auf dem er eine feierliche, sehnsuchtsvolle elektronische Musik spielte. Von Anfang an mit von der Partie war die ebenfalls aus Alaska stammende Band von Portugal. The Man.
Der Sound ist nun muskulöser und vielseitiger
Auf diesem zweiten Album bleibt Galanin seinen Atmosphären treu: Indietronic, Ambient, Dream Pop. Doch der Sound ist nun muskulöser und vielseitiger. Der Auftakt, ein Duett mit der Alaskanerin Ashley Young, geht sogar fast als Rockmusik durch. Das folgende „Twilight“ integriert zeitgenössischen britischen R&B. Später kommen Seventies-Latin-Soul, Jazz, HipHop und Dance hinzu. Zentral ist der kühle Eighties-Neon-Funk-Club-Track „Taste On My Lips“, unter anderem mit Edelbassistin Meshell Ndegeocello. Der schönste Moment gehört „Dei Kee Tla Tin“, bei dem Galanin zu meditativen Klängen vom Schnitzen eines Totempfahls erzählt.
Galanin kollaboriert auf „Stand On My Shoulders“ mit Künstler:innen sehr diverser Prägungen und Herkünfte. Die sanft-sphärische Musik bekommt dadurch etwas Universelles, vielleicht wie eine elektronische Weltfolklore für das 21. Jahrhundert. Galanin selbst versteht sich und seine Kunst als lebendiges Kontinuum des Lingit-Stammes, dem er angehört. Zudem gedenkt er hier seines 2021 verstorbenen Vaters (ein Bluesgitarrist), auf dessen Schultern er sich stehen sieht – das meint der Albumtitel.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 2/2026.