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Rewind Today 1983: ‚The Day After‘ läuft im US-Fernsehen an


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Es gibt die Legende, dass ein Spielfilm maßgeblichen Einfluss auf Ronald Reagans politische Entscheidungen gehabt haben soll. Als der US-Präsident gemeinsam mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow 1987 das Abrüstungs-Abkommen für nukleare Mittelstreckenwaffen (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty, INF) unterzeichnete, soll er noch immer unter dem Eindruck seiner Privat-Vorführung von „The Day After“ gestanden haben. Als gesichert jedenfalls gilt, dass Reagan nach dem Film gesagt hatte: „Ich fühle mich deprimiert“.

Mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauer in den USA sahen 1983 die Erstausstrahlung von „The Day After“. Der 120 Minuten lange, von Nicholas Meyer gedrehte Spielfilm zeigte in drastischen Bildern nicht nur eine nukleare Detonation in Amerika, sondern vor allem auch, was danach, „the day after“, passiert: die radioaktive Verseuchung des Landes, der langsame Tod aller Protagonisten, das Ende der Zivilisation. Voran gegangen war im Film ein Angriff-Gegenangriff-Szenario zwischen den USA und der Sowjetunion, ungeklärt blieb in der Erzählung jedoch, wer die Raketen zuerst abfeuerte.

Notfall-Hotlines für besorgte Zuschauer

Nach der Erstausstrahlung am 20. November gab es nicht nur TV-Debatten über den Sinn nuklearer Abrüstung oder Aufrüstung, an denen unter anderem Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und der Wissenschaftler Carl Sagan teilnahmen (Video unten); die Fernsehanstalt ABC richtete auch Notfall-Hotlines für besorgte Zuschauer ein. Konservative Aktivisten unterstellten den Machern von „The Day After“, der Film sei als Kampagne für nukleare Abrüstung konzipiert und nicht tragbar.

Über die Weizenfelder

Wer den Film 1983 (er lief am 2. Dezember auch in Deutschland an) sah, zur letzten Hochzeit des Kalten Kriegs, erinnert sich an bedrückende, von Experten für realistisch eingeschätzte Szenen, die es zuvor noch nie im Fernsehen gab. Die Detonation, die Feuerwalze, der sofortige Tod.

Noch beeindruckender als die Effekte waren die schauspielerischen Leistungen, die vor allem an dem „Tag danach“ zum Tragen kamen. Mitte der Achtziger war Steve Guttenberg, der wenig später den vorlauten Cop Mahoney in „Police Academy“ spielen sollte, mindestens für Kinder der lustigste Mensch der Welt. In „The Day After“ wurden wir langsam Zeuge, wie er, in der Rolle eines Studenten, Haare verliert und der Wille zum Überleben aus seinem Gesicht weicht. In einer der traurigsten Szenen jagt Guttenberg Tage nach der Detonation über ein Weizenfeld, um eine junge Frau einzufangen, sie soll wieder zurück in den Bunker. Jede Minute draußen ist eine Minute in Radioaktivität. „Du kannst es nicht sehen, aber es ist da“, ruft er ihr hinterher; diese Unsichtbarkeit des Todes, der immer näher rückt, ist das vielleicht Grausamste am Film. Ein anderer Hauptdarsteller, Jason Robards in der Rolle eines Arztes und hier so etwas wie die moralische Instanz, erleidet selbst am Ende noch, als sein Wohnhaus bereits in Trümmern liegt und er bald sterben wird, einen Kontrollverlust. Er will eine Familie aus den Ruinen seines Hauses vertreiben, und das bereits in einer neuen Ära, in der es keine Besitztümer, geschweige denn Wohnrechte mehr gibt.



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