Rewind Today 2003: Elliott Smith verstirbt


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Er sah aus, wie man sich in den Neunzigern einen prolligen Rocker vorstellte, doch er wisperte wie ein Engel. Auf seinem dritten Album „Either/Or“ (enthalten in unserer Liste der 20 besten Singer/Songwriter-Alben), das schon im Kierkegaard zitierenden Titel zur Transzendenz schielt, wurde dann auch die Musik himmlisch, denn Smith ließ sich von den späten Beatles inspirieren. Die Texte handelten immer noch im irdischen Jammertal, waren durchzogen von tiefen Zweifeln und Ängsten. 

Am 21. Oktober verstarb Elliott Smith im Alter von 34 Jahren.

Arne Willander über „Either/Or“:

Smith versagte sich mit 34 Jahren das Leben selbst. Es gab immer Hinweise auf seine Drogensucht, und es gibt diese schwebende Traurigkeit in seinen Liedern. Aber am Ende wird niemand erklären können, weshalb sich jemand mit einem Messer zerschneidet. „Entweder/Oder“, das ist ja auch die Frage jenes guten Will Hunting in dem Film von Gus Van Sant, für den Smith 1996 einige Lieder schrieb. In der Rückschau sind diese sanften, fast wispernd, wie träumend gesungene Stücke das Schönste an dem doch überspannten Drama um das arme, böse Wunderkind, das nichts dafür kann. Erst wenn Matt Damon in dem alten Auto die Stadt verlässt und noch einmal Smith singt, spürt man eine Wahrhneit in dem Film, die Wahrheit von Ben Affleck, der stets hoffte, er würde seinen Freund eines Morgens nicht mehr in der Baracke finden.

Smith‘ Musik weiß schon vorher um den Verlust und den Schmerz und die Notwendigkeit dieses Moments. Auf „Either/Or“ ist eine stille Depression enthalten, die Cobains Fatalismus beinahe übertrifft, weil nichts hier Wut ist. Nichts laut. Nichts aggressiv. „Do what you want to whenever you wan to though it doesn’t mean a thing, big nothing.“ Und immer wieder die Zeile „Everybody’s dying just to get the disease“, unvergesslich: „Pictures Of Me“. Im letzten Stück der rätselhaften, wahrhaft poetischen Platte flüstert Smith „I’m in love with the world through the eyes of the girl/ Who’s still around the morning after“. Für diesen einen Moment gibt es das Glück. Der Song endet mit den Worten „They want you or they don’t/ Say yes“. Selten hat man so eine Sehnsucht in schlichten Liedern gehört.

Zwei sehr fragile, komplizierter instrumentierte Alben hat Smith noch aufgenommen, „XO“ und „Figure 8“, doch keine hat die Intensität von „Either/Or“, so wie auch die Arbeiten vorher und mit Heatmiser sein Talent nur andeuten. Noch einmal, auf dem Soundtrack von „American Beauty“, war Smith ganz bei sich selbst, als er traumverloren „Because“ von den Beatles sang.Nicht die Plastiktüte ist es also, die für diese amerikanische Schönheit weht.

Elliott Smith hat Nein gesagt. „And when they clean the street/ I’ll be the only shit that’s left behind.“ Vor sechs Jahren habe ich das auch schon zitiert. Aber begriffen hat solche Sätze niemand. Mit jedem Jahr nach „Either/Or“ wurde Smith seltener als Referenz für junge Songwriter angeführt. Artikel handelten davon, dass er in Kneipen herumsaß und Texte auf Bierdeckel schrieb und aussah wie ein Biker, der sich gern prügelt.

Eine letzte Single ist jetzt erschienen. Sie wird nicht das letzte Zeugnis bleiben, denn schon bald wird Elliott Smith aus Omaha, Nebraska heimgeholt.