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Elliott Smith: Der Tod von „Mr. Misery“


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Viele Singer-Songwriter haben den Ruf, introvertierte, melancholische Musik zu machen, aber wenige taten es so wie Elliot Smith. Für einige Kritiker war er „Mr. Misery“ – eine Entlehnung von „Miss Misery“, dem Song aus dem Soundtrack von „Good Will Hunting“, für den er 1998 eine Oscar-Nominierung erhielt. Ein Musiker, dem man nicht so sehr zuhörte als vielmehr mit ihm fühlte.

Seiner Freundin Mary Lou Lord zufolge war Smith so etwas wie der Erbe des tragischen Schicksals von Kurt Cobain. Lord und Cobain waren Freunde bevor Nirvana zur Projektionsfläche einer ganzen Generation wurden. Elliott Smith machte Platten für „die traurigen Kinder“ und seine Düsternis war mehr als ein mürrisches Getue. Wenn Smith über Heroinabhängigkeit, Alkoholismus oder Depressionen sang, dann sang er über Dinge, die er selbst erlebt hatte.

Elliott Smith, 1998.

Das Cover seines zweiten Albums „Elliot Smith“ aus dem Jahr 1995 zeigt ein unscharfes Bild von Körpern, die von einem hohen Gebäude fallen. Der Nachfolger, „Either/Or“ von 1996, wurde nach einem Buch des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard benannt, in dem der Autor es für unausweichlich hält, dass sich der Ästhet irgendwann in einem Zustand der Verzweiflung befindet.

„Either/Or“

Über „Either/Or“ schrieb ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander:

„Entweder/Oder“, das ist ja auch die Frage jenes guten Will Hunting in dem Film von Gus Van Sant, für den Smith 1996 einige Lieder schrieb. In der Rückschau sind diese sanften, fast wispernd, wie träumend gesungene Stücke das Schönste an dem doch überspannten Drama um das arme, böse Wunderkind, das nichts dafür kann. Erst wenn Matt Damon in dem alten Auto die Stadt verlässt und noch einmal Smith singt, spürt man eine Wahrheit in dem Film, die Wahrheit von Ben Affleck, der stets hoffte, er würde seinen Freund eines Morgens nicht mehr in der Baracke finden.

Smith‘ Musik weiß schon vorher um den Verlust und den Schmerz und die Notwendigkeit dieses Moments. Auf „Either/Or“ ist eine stille Depression enthalten, die Cobains Fatalismus beinahe übertrifft, weil nichts hier Wut ist. Nichts laut. Nichts aggressiv. „Do what you want to whenever you wan to though it doesn’t mean a thing, big nothing.“ Und immer wieder die Zeile „Everybody’s dying just to get the disease“, unvergesslich: „Pictures Of Me“. Im letzten Stück der rätselhaften, wahrhaft poetischen Platte flüstert Smith „I’m in love with the world through the eyes of the girl/ Who’s still around the morning after“. Für diesen einen Moment gibt es das Glück. Der Song endet mit den Worten „They want you or they don’t/ Say yes“. Selten hat man so eine Sehnsucht in schlichten Liedern gehört.

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Elliott Smith begeht Suizid

Am Mittag des 21. Oktober 2003 geriet Smith in einen Streit mit seiner Freundin und Musikerkollegin Jennifer Chiba. Als die Auseinandersetzung in ihrem Haus in Los Angeles immer schlimmer wurde, drohte Smith mit Selbstmord. Für die Mitmenschen von Elliott Smith war eine solche Aussage nichts Neues. Als er Ender 90er von Portland nach New York umzog, ließ er seine Freunde in Oregon wissen, sie würden ihn vermutlich nie wieder sehen, da er sich das Leben nehmen werde.

Elliott Smith, 2003.

An jenem Oktobertag wurden aus Worten schließlich Taten. Chiba ignorierte ihren Freund und schloss sich im Badezimmer ein. Weniger später hörte sie einen Schrei. Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, stand er mit dem Rücken zu ihr. Er drehte sich um, ein Küchenmesser ragte aus seiner Brust. Trotz einer Notoperation wurde er 20 Minuten nach Eintreffen im Krankenhaus für tot erklärt. Elliott Smith wurde 34 Jahre alt.

Ein Musiker, der nicht berühmt sein wollte

Nie um eine Meinung verlegen, nannte Courtney Love die Tat „den besten Selbstmord, von dem ich je gehört habe“. Bereits vorher hatte der Produzent Larry Crane eine große Narbe auf Smiths Brust entdeckt. Bekannten erzählte der Musiker währenddessen, dass er gerne nachts auf den leeren U-Bahn-Schienen New Yorks spazieren gehe.

Als ehemaliges Mitglied der Hardcore-Punk-Band Heatmiser war Elliott Smith zutiefst misstrauisch gegenüber kommerziellem Erfolg, der sich nach seiner Oscar-Nominierung in bescheidenem Maße einstellte. Er trat bei der Preisverleihung zwischen Celine Dion und Michael Bolton auf, und sein darauffolgendes Album, „XO“ von 1998, verkaufte sich 400.000 Mal. Smith blieb unbeeindruckt: „Ich habe mich da hineingestürzt, weil es meine Freunde glücklich zu machen schien“, sagte er. „Ich mag es nicht besonders, mit berühmten Leuten herumzuhängen, weil ihr Leben zu seltsam ist.“ Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Elliott Smith und Kurt Cobain.

Aufwind

Während seiner Zeit in Portland verfiel Smith den Drogen. Vor allem Heroin, aber auch Alkohol. Wann immer seine Freunde etwas dazu zu sagen hatten, geriet Elliott Smith außer sich. Viele der Songs auf „XO“ beschäftigten sich mit „der Frechheit der Leute, herumzulaufen, als ob sie wüssten, was jemand anderes mit sich selbst machen sollte“. Nach kurzer Zeit in New York zog es ihn Richtung Los Angeles, nun als Crack-Junkie. Er vergaß auf der Bühne seine eigenen Texte, sackte vor Publikum in sich zusammen.

Smith in Barcelona, 1998.

Kurz vor seinem Tod schien jedoch Besserung in Sicht zu sein. Eine Behandlungsmethode namens Neurotransmitter-Restauration sollte sein von Drogen gezeichnetes Nervensystem heilen, was tatsächlich Zeichen des Erfolgs zeigte. Elliott Smith arbeitete an einem neuen Album, „From a Basement on a Hill“, das später posthum veröffentlicht wurde. Mit seiner neuen Freundin Jennifer Chiba gründete er eine Stiftung zugunsten misshandelter Kinder, an die er die Einnahmen des Albums spenden wollte. Nicht wenige sahen den Ursprung für Smiths eigene Depressionen in traumatischen Erlebnissen in seiner Kindheit.

Wie Sid und Nancy

Chiba spielte in der Punk-Band Happy Endings, deren Debütsingle Smith produzierte. Sean Organ, Inhaber des Labels Org Records, das die Single veröffentlichen wollte, beschrieb die Sessions als „angespannt“. „Ohne schlecht über einen Toten reden zu wollen, war [Smith] wegen seiner Probleme nicht die einfachste Person, mit der man arbeiten konnte“, so Organ. „Es war angespannt, unberechenbar, paranoid. Die Band auf der einen Seite, Elliot auf der anderen, Jennifer in der Mitte. Ich bekam morgens und abends Anrufe und die Stimmung war völlig unterschiedlich: ‚Das ist das Beste, was wir je gemacht haben!‘; ‚Das ist ein Haufen Müll und du darfst es unter keinen Umständen jemandem vorspielen.’“

Elliott Smith in London, 1998.

Nach dem Tod von Elliott Smith erschien ein Statement auf der Webseite des Labels, das die unbeständige Beziehung mit der von Sid Vicious und Nancy Spungen verglich. Man könnte das makaber nennen – Vicious hatte Spungen im Drogenrausch 1978 in New York erstochen. „Das erzählte man sich schon vorher“, sagte Organ. „Die Leute beschrieben sie als ein Sid-und-Nancy-Paar, das sich ständig streitet, trennt und wieder zusammenkommt.“

Offene Fragen

In Internetforen und in der Öffentlichkeit sammelten sich nach Smiths Tod zahlreiche Stimmen, die behaupteten, der Musiker habe sich nicht selbst das Leben genommen. Der Clubbesitzer Mark Flannigan, der häufig Smiths Konzerte in Los Angeles veranstaltete, war sich seiner Sache sehr sicher: „Ich glaube nicht, dass der Typ sich in die Brust gestochen hat“, sagte er. „Es passt einfach nicht zusammen. Es würde mich nicht überraschen, wenn das jemand anders getan hat. Er nahm Drogen mit Abschaum. Er war mit vielen unheimlichen Leuten zusammen – einigen sehr negativen, gefährlichen Leuten.“

Ein Tod unter unklaren Umständen: Elliott Smith.

Andere widersprachen der These: „Ich weiß, dass er völlig clean war“, sagte der Filmemacher Steve Hanft, Macher des Film „Strange Parallel“ über Elliott Smith. „Sein Tod hatte nichts mit Drogen zu tun und das ist es, was mich wütend macht. Er war nicht irgendein dummer Junkie“. Tatsächlich fand das gerichtsmedizinische Gutachten nur legale Antidepressive in ungefährlichen Mengen in Smiths Körper. Die Tathergang wurde offiziell als nicht feststellbar angegeben.

 

 

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