Rock am Ring 2015: Feuerwerk, Aliens und Riesengehirne – der Samstag

Nach den schweren Unwettern in der Nacht von Freitag auf Samstag hat sich die Luft am zweiten Festivaltag bei Rock am Ring etwas abgekühlt. Ein angenehmer Wind weht über die gebräunten, teilweise auch verbrannten Gesichter und sorgt für willkommene Erfrischung, bevor es im musikalischen Programm weitergeht. Während auf der „Crater Stage“ von Sondaschule bis Marsimoto ausschließlich deutschsprachige Musik dargeboten wird, eröffnen Zebrahead um viertel vor drei das Programm auf der Hauptbühne nebenan.

Schwarzer Anzug und Flieger-Sonnenbrille

Mit ihrem Rock’n’Roll irgendwo zwischen The Hives und Steppenwolf stehen anschließend Royal Republic auf der Bühne. Mit simpler Rhythmik, vier bis fünf Gitarrenakkorden und prägnanten Texten gehört das Programm der Schweden sicherlich nicht zum musikalisch anspruchsvollsten, was dieses Jahr auf dem Festival geboten wird, Spaß macht ihre Show dennoch. Aufgrund des runden Geburtstags des Festivals spielen sie nicht nur eine Akustikversion von „Addictive“, sondern präsentieren auch „When I See You Dance With Another“ von ihrem kommenden Album, das sie diesen Herbst in Berlin aufnehmen werden. Den Abschluss bildet dann das obligatorische Trio aus den Mitgröhl-Nummern „Underwear“, „Tommy-Gun“ und „Full Steam Spacemachine“.

Im Anschluss daran haben Interpol es hingegen schwer, das Publikum für sich zu gewinnen. Die New Yorker geben sich ohnehin erstaunlich unnahbar – Gitarrist Daniel Kessler tritt im schwarzen Anzug und mit Fliegersonnenbrille auf, Frontmann Paul Banks mit dicker goldener Armbanduhr am Handgelenk. Die Kommunikation mit dem Publikum beschränkt sich obendrein auf das Minimalste, über ein hin und wieder mal ins Mikro genuscheltes „Danke“ geht sie nicht hinaus. Zu den Tonproblemen, die dazu führen, dass Banks oft Mühe hat, den richtigen Ton zu treffen, kommt ein unausgegorenes Videokonzept: auf den Leinwänden werden immer wieder geometrische Figuren oder alte Schwarz-Weiß-Filme projiziert, die eher an einen Windows-Bildschirmschoner, denn an ein Rockkonzert erinnern. Schade, denn musikalisch bewegt sich der gitarrenlastige Post-Punk, der irgendwo zwischen Joy Division und R.E.M. landet, auf hohem Niveau.

Kooperation

Die Gibson hinter dem Kopf

Deutlich packender und mitreißender gerät das Gastspiel von Slash, dem ehemaligen Gitarristen von Guns N‘ Roses, der gemeinsam mit Sänger Myles Kennedy und der Band The Conspirators ein knackiges, gut eine Stunde langes Set spielt. Der Musiker mit der schwarzen Lockenpracht trägt Zylinder, läuft von einem Bühnenrand zum anderen und schwingt sich bei „Paradise City“, das den krönenden Abschluss des Konzerts bildet, seine Gibson hinter den Kopf, um so weiterzuspielen. Auch Kennedy erlaubt sich keine Schnitzer, sondern singt, sogar im Gegenteil, ganz hervorragend. Natürlich werden die GNR-Songs – neben „Paradise City“ stehen noch „You Could Be Mine“, „Sweet Child O’Mine“ und „Nightrain“ auf dem Programm – am meisten umjubelt, doch das scheint die Musiker kaum zu stören.

Als Stammgäste bei Rock am Ring könnte man Kraftklub mittlerweile bezeichnen, wie Sänger Felix Brummer betont. In ihrem fünften Jahr der Bandhistorie traten sie nun schon zum bereits fünften Mal hier auf. Eine beachtliche Entwicklung, bedenkt man, dass die fünf Jungs 2010 noch auf dem Zeltplatz auftraten und nun auf der Hauptbühne zum Sonnenuntergang spielen. Das Spiel mit den Massen beherrschen sie jedenfalls bereits aus dem Effeff. Das übergroße „K“, das ab der Hälfte der Show über der Bühne prangt, blinkt und glitzert im Takt, zu dem die Fans hüpfen. Bei einem Medley, das von „Ritalin“ über „Kein Liebeslied“ bis „Lieblingsband (Oh Yeah)“ nur Stücke des ersten Albums umfasst, gibt es ein Feuerwerk zu bestaunen, das in seinem Bombast selbst die Band zum Lachen bringt. „Deine Gang“ wird auf einer fahrbaren Mini-Stage im Publikum gespielt, anschließend gibt’s ein Stagedive-Wettrennen, bei „Songs für Liam“ wird „Hey Jude“ angestimmt. „Na na na na na na na, na na na na, wenn du mich küsst“ – ein Höhepunkt am zweiten Festivaltag, der spekulieren lässt, dass Kraftklub sicherlich nicht zum letzten Mal hier gespielt haben.

Wie von der Tarantel gestochen

Es ist bereits lange dunkel, als The Prodigy zu mysteriösem, instrumentalem Intro die „Volcano Stage“ entern. Was folgt ist anderthalb Stunden kompromissloser, treibender Drum’n’Bass – ohne Pause für den Zuhörer. Die beiden MCs Maxim und Keith Flint, der übrigens noch immer dieselbe Frisur trägt, wie in den Neunzigern, springen wie von der Tarantel gestochen am Bühnenrand umher und animieren mit den immer gleichen Rufen das Publikum. Ihr Aussehen und Gehabe ist zumindest sehenswert, wirken die zwei Vokalkünstler wie Wesen von einem anderen Stern. „Firestarter“ spielen sie sehr früh, „Smack My Bitch Up“, das das reguläre Set beschließt, wird mit den Worten „You know what this is!“ angekündigt. Die Bassdrums schallen wie Kanonenfeuer, die Gitarrenriffs hageln wie Granaten auf das Publikum herab. Was prinzipiell hervorragend funktioniert, wird durch Übermut und zu viel guten Willen zerstört. In dieser Länge ermüdet die Musik der Briten.

Im Kopf eines Riesenbabys

Deichkind kommen da als Nervennahrung und mentale Aufmunterung anschließend gerade recht. Die Hamburger bieten ein „Event im Event“, samt furios-absurden Kostümen wie Mauscursor und übergroßem Gehirn und einfach nur albernen Choreografien. Für das große Finale wird nicht nur Frankie Goes To Hollywood zitiert (bei „Hört ihr die Signale“), sondern auch alle beteiligte Gestalten auf die Bühne geholt. Ein Spektakel wie auf einem XXL-Kindergeburtstag – so muss es wahrscheinlich in dem Kopf eines Riesenbabys aussehen. Die ganz Tapferen und Unermüdlichen wagen sich anschließend übrigens noch zu Enter Shikari, die bis drei Uhr nachts das Alternatent mit ihrem Post-Hardcore in Wallung bringen.


Liz Phair und ihr grandioses Debüt „Exile In Guyville“: Zorniger Flirt

Eine Frau zeigt es allen: Das war der Tenor, der Liz Phairs erstaunliches Albumdebüt, „Exile In Guyville“, begleitete. Die Sängerin flüchtete aus dem von ihren Adoptiveltern vorgegebenen bürgerlichen Lebensentwurf in die gut vernetzte Chicagoer Musik­szene, aus der auch die Smashing Pumpkins hervorgingen. Anfangs noch schüchtern, mied Phair voerst die Bühne und vergrub sich Anfang der 90er-Jahre tief in der Musikgeschichte, um ihren eigenen „Girly Sound“ auf Kassette aufzunehmen. Minimalistisch dahingezupfte Lieder eines Mädchens mit Gitarre, die anmuten wie Tagebuchskizzen. Eine dieser Aufnahmen entdeckten eines Tages die Produzenten John Henderson und Brad Wood, die daraufhin versuchten, der Sängerin einen Plattenvertrag zu…
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