Konzertbericht

Role Model live in Berlin: Seine Rockstar-Charmeoffensive begeistert Fans

Role Model lieferte eine emotionale Live-Performance in der Columbiahalle ab. Unser Nachbericht.

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Vorhang auf und Bühne frei für Tucker Pillsbury, alias Role Model: Der 28-Jährige befindet sich derzeit auf seiner „No Place Like Tour (The Longest Goodbye)“-Tour durch Europa. Neben Berlin machte er auch in Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich Halt. Wir waren beim Hauptstadt-Gig dabei.

Großes Fan-Commitment

Die Columbiahalle in Berlin-Tempelhof war restlos ausverkauft. Seit sieben Uhr morgens campten Fans vor der Konzertlocation am 12. November und organisierten mit einem Nummernsystem, das man sonst eher von K-Pop-Events kennt, einen fairen Einlass. Und wie groß die Erleichterung war, als endlich der Abend nahte, der Einlass geschafft und der richtige Platz gefunden war!

Vorhang weg, Begeisterung los

Die Explosion der Vorfreude zeigte sich, als um Punkt 21 Uhr die ersten Töne von „Writing’s on the Wall“ von der stockdunklen Bühne aus herschallten. Das Kreischen der Fans übertönte fast die E-Gitarre … „It’s giving Justin“, sagte meine Kollegin – ich dachte an Shawn Mendes. Und schon begleiteten die Besucher textsicher beinahe alle Songs der kommenden 75 Minuten.

Schlichter Look für große Stadt

Was dabei auch sofort auffiel: Das Bühnenbild zeigte sich reduziert und zentriert. Auf einem hohen Podest im Hintergrund positionierten sich die Bandmitglieder – Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wobei sie im nebligen Licht lediglich silhouettenartig zu erkennen waren. Nur beim kurzen Soli durfte sich zumindest der Gitarrist im Licht mehr hervorgehoben. Ansonsten stand klar der Star des Abends im Mittelpunkt: Role Model. In Denim-Jeans, Baumwollshirt und braunen Loafern hatte der modebewusst wirkende Singer-Songwriter für Berlin eher ein schlichtes Outfit gewählt.

Die Freude am Performen kaufte man Role Model jedoch in jedem Moment ab. Dass er gerne flirtete und charmant mit dem Publikum spielte, ebenso. Bei Songs wie „Oh, Gemini“ setzte er sich mit breitem Lächeln an den Bühnenrand und genoss offensichtlich das Anschmachten seiner überwiegend weiblichen Fans. Dass er als Typ mit Hang zur Romantik wahrgenommen wird, liegt aber auch an den seinem aktuellen Album „Kansas Anymore (The Longest Goodbye)“, auf dem es viel um Beziehung und Liebe geht.

Fokus auf „Kansas Anymore“

Und ja, die Gegenwart stand bei seinem Tourstopp in Berlin deutlich im Vordergrund: Auf der Setlist standen überwiegend Songs vom neuen Album. Ältere Stücke aus den Rap-Zeiten seiner Karriere ließ er aus. Musikalisch lieferte Pillsbury aber ab: Über das Backing-Playback sang er makellos live und bewies sein Stimmtalent sowohl in ruhigen, textfokussierten Momenten als auch bei kraftvollen Shoutouts.

Die meisten Tracks begleitete er dabei selbst auf der Gitarre, wechselte routiniert zwischen Konzert- und Country/Western-Gitarre. Er ließ die gesamte Konzertlänge über die Musik für sich sprechen und hielt sich mit Ansagen zurück. Nach jedem Song versank die Bühne kurz in Dunkelheit, ohne damit für Verwirrung zu sorgen. Die Schlichtheit des gesamten Settings stand ihm gut. Und die Fans feierten jedes Stück wie einen Megahit, die Energie blieb spürbar – trotz vereinzelter Kreislaufprobleme in der dichten Menge.

Besonders herausstechend erwies sich zudem „Something, Somehow, Someday“: In scharfem Schwarz-Weiß-Spotlight saß der Sänger allein mit einem Buch in der Hand auf der Stage und leitete mit den Worten „it’s a story about two people and I thought they were meant to be together“ seine tragische Ballade ein. Er sang und erzählte gleichzeitig die vermeintlich niedergeschriebene Geschichte.

Locker und erprobt bis zum Ende

Role Model präsentierte sich als erfahrener Live-Performer. Er säuselte über die Stadt „Feels like home, Berlin“ und holte – wie für die Crowd bekannt – eine Sally auf die Bühne. In dem Fall ein Fan, der zu „Sally, When the Wine Runs Out“ die Zeit ganz nah am Musiker genießen konnte. Er ließ so die Emotionen hochkochen – und hatte es so wohl auch nicht nötig noch eine Zusage für die Berlin zu bringen. Er hatte auch so schon alles gesagt.

Setlist

  • Writing’s on the Wall
  • Look at That Woman
  • Scumbag
  • Oh, Gemini
  • a little more time
  • Superglue
  • The Dinner
  • blind
  • Frances
  • Slut Era interlude
  • Somebody Else (The-1975-Cover)
  • The Longest Goodbye
  • Something, Somehow, Someday
  • Slipfast
  • Old Recliners
  • Some Protector
  • Sally, When the Wine Runs Out
  • Deeply Still in Love