ROLLING STONE empfiehlt Weihnachtsgeschenke (6): Nick Cave & Sean O‘Hagan – „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“


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„Ich bin überrascht, dass du diesem Interview zugestimmt hast“, sagt Sean O’Hagan am Anfang. „Sie fressen einen auf. Ich hasse es“, sagt Nick Cave. Dann spricht er über 300 gedruckte Seiten in 16 Kapiteln über Gott und die Welt. Die Gespräche fanden zwischen August 2020 und Herbst 2021 via Zoom statt. In der Zeit der Konversation starben Caves Mutter Dawn, seine Freundin Anita Lane, der Produzent Hal Willner und Chris Bailey von den Saints und schließlich, als Sean O’Hagan im Mai 2022 das Vorwort schrieb, Caves ältester Sohn Jethro in Melbourne. Im Herzen der Gespräche liegt die lastende Trauer um Caves Sohn Arthur, der 2015 von einer Klippe bei Brighton stürzte. So ist dieses brütend-intensive, katastrophische Buch ein Requiem für die Verstorbenen und ein verfrühtes Vermächtnis.

Es ist aber auch eine Selbtvergewisserung und ein Art von Arbeitsjournal. Während der Pandemie schrieb Cave die Songs für das Album „Carnage“, das er mit Warren Ellis an wenigen Tagen aufnahm. Er erzählt von der Arbeit an „Skeleton Tree“ (2016) nach dem Tod Arthurs und an „Ghosteen“ (2019), der großen meditativen Gespensterplatte für den Sohn. Cave spricht von Religion und von der Magie des Konzerts: „Es geht darum, in Erstaunen versetzt, von einem Künstler im entscheidenden Moment ergriffen zu werden – Sekunde um Sekunde die Entfaltung eines Songs zu bewundern und von der Dramatik beinahe zu Tränen gerührt zu werden.“ Er spricht von den großen Balladen Jimmy Webbs. In langen Passagen beschwört er seine Kindheit in einem Dorf in Australien, die Heroinsucht, den frühen Tod des Vaters und die Sorge um seine Mutter, die er vor ihrem Tod nicht mehr sehen konnte, und die Lähmung, nachdem Arthur gestorben war. „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ ist auch ein Liebesbrief an Caves Frau Susie.

Er töpfert jetzt Staffordshire-Figuren mit biblischen Motiven. „Hoffnung ist Optimismus mit gebrochenem Herzen.“ (Kiepenheuer & Witsch)