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Rolling Stone Weekender: Cheers! So war der Samstag


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Man möchte seufzen. Es ist Samstag, früher Nachmittag, die Sonne scheint, Menschen palavern an der Fischbude, wanken mit Bierflaschen aus ihren Bungalows, schlendern Arm in Arm am Meer entlang. Die Stunden vor dem eigentlichen Festivalbeginn sind auf dem Weekender etwas ganz besonderes – der Mischung aus Vorfreude, erster Rauscherscheinung und Meereswindfrische im Kopf kann man nur schwerlich widerstehen. Wer schon Input braucht, besuchte die Lesungen oder den Rolling Stone Workshop früher am Tag, wer Festivals gerne amtlich begießt, besäuft sich am Strand oder im fürs Wochenende gemieteten Wohnzimmer – und wer Online-Redakteur auf dem Hausfestival ist, der hetzt den kompletten Nachmittag mit seinem Team durch das Künstlerhotel, um Live-Sessions und Videointerviews zu filmen.

Aber genau das wurde mit einem der wundervollsten Momente des Festivals belohnt: Als Matthew Caws von Nada Surf uns auf dem Billardtisch sitzend den neuen Song „Teenage Dreams“ vorspielen wollte, saß plötzlich eine sehr junge Dame, die ca. zwei Jahre alt war, mit ihrer Mutter im Publikum. Mit großen Augen, auf dem Hosenboden sitzend, blickte sie zu Caws empor, der gerade seine Gitarre stimmte und sich einsang. Und plötzlich, hatten die beiden ihr eigenes Konzert – Caws sang plötzlich ein Lied über eine kleine Katze, schaute dem Mädel in die strahlenden Augen und sang die nächsten drei Minuten dieses Kinderlied, während alle im Raum mit feuchten Augen daneben standen. Kitschig, wissen wir. Aber verdammt schön. „Mein Sohn ist leider aus dem Vorsingalter raus und wird eifersüchtig, wenn ich Gitarre spiele. Zeit, die ich mit ihr verbringen ist eben Zeit, die ich nicht mit ihm verbringen kann. Aber ich muss ihm jetzt oft vorlesen.“ Früher am Tag begrüßten wir dann noch Heather Nova in unserem Appartement, die dann auch gleich einen Cellisten mitbrachte. Die letzte Session wurde dann erst am späten Abend eingefangen: Der gerade in Irland auf Platz 1 gelandete Ed Sheeran, ein quirliger Rotschopf Anfang 20, der Elton John zu seinem Fankreis zählt, spielte uns dort „The A-Team“. Nach 27 Stunden ohne Schlaf und einem kurzen Schlummermoment kurz vor unserer Ankunft, sang und spielte er wie auf Knopfdruck.

„Draußen“ verpasst man dann leider den Auftritt von Thees Uhlmann, der mit Band und dem ehemaligen Miles- und nun Monta-Frontmann Tobias Kuhn Augenzeugenberichten zufolge, ein umwerfendes Konzert hinlegte. Zur ungefähr gleichen Zeit lud Susanne Sundfor zur andächtigen Songwriterinnenmesse im bestuhlten Witthus. Hatte fast was Religiöses, wie sie am Klavier saß und sang und die Besucher ihr an den schönen Lippen hingen. Explosions In The Sky sorgten später für die lärmenden Momente zeigten aber, dass vielen dann doch etwas an ihnen fehlt. „Die sind ja super“, sagte ein Gast. „Wenn die jetzt nur noch singen würden.“ Tja, Postrock instrumentaler Art, versteht eben nicht jeder. Bei Cake zweifelte man im Vorfeld ja schon ein wenig, ob es die Herren noch bringen – bzw. man überlegte sich, warum man ihre knochentrockenen mit Country versetzten Songschnurren einst so mochte. Eine Antwort dürfte John McCrea sein – der stets bemützte Sänger hat die Bühnenpräsenz eines guten Comedian und amüsierte mit Feststellungen wie: „You’re not very angry in Germany, aren’t you?“ Zur gleichen Zeit bezirzten die Howling Bells im Rondell und zeigten, dass sie live viel besser sind, als die zweieinhalb Sterne, die wir ihrem letzten Album „The Loudest Engine“ gegeben haben. Apropos bezirzen: Wir müssten auch mal über den Sex-Appeal von schönen Frauen an Kontrabässen reden. Zumindest die Herren im Witthüs dürften über das Thema nachgedachte haben, als Amy Lavere mit ebendiesem Instrument ihre Lieder spielte. Als sie dann auch noch fragte. „Are you ready to get raunchy“, hielt sicher so mancher die Luft an und verkniff sich die Antwort.

Nada Surf, Heather Nova und Elbow lieferten dann zum Ausgleich genau das, was man von ihnen kennt – und entweder mag oder nicht. Erstere füllten dabei erstaunlich mühelos das große Zelt, selbst wenn man sie vielleicht immer noch als die ewige Clubband im Sinn hat. Zum Quintett gewachsen, waren es natürlich Songs wie „The Inside Of Love“ und „Blonde On Blonde“, die zeigten, dass sie schon lange das College hinter sich gelassen haben.

Eine Überraschung erlebte man derweil, wenn man sich Ed Sheeran anschaute. Dessen Video zu „The A-Team“ steht derweil bei 14 Millionen Klicks, er ist in seiner irischen Heimat auf Platz 1, hat im vergangenen Jahr 320 Konzerte gespielt und Elton John als größten Fan. Dennoch hatte er ein wenig Respekt, weil seine Fans normalerweise eher in seinem Alter (um die 20) oder jünger ist. Dennoch: Sein Mix aus klassisch geschultem und mir irischer Tradition durchsetztem Folk, frischen Texten, bisweilen HipHop-Einflüssen und einem überdrehten Selbstbewusstsein packen einen recht schnell. So bejubelten auf einmal 50jährige seine gallige Abrechnung mit der Musikindustrie „You Need Me, I Don’t Need You“, die eher einem überdrehten HipHop-Soul-Bastard gleich, während „The A-Team“ unverstärkt bei völliger Stille gesungen wurde – direkt nach einem irischen Volkslied, das seine Familie immer zusammen gesungen hat. Ein aufgeschnappter Kommentar beim Rausgehen traf die Sache ganz gut: „Der Junge kann was.“

Elbow zelebrierten am Ende wie gewohnt ihren Charme und ihr Mischung aus großer Geste und Understatement. Guy Garvey motivierte mit Arm, Bein und Baucheinsatz die erst müde Menge zum Mitsingen, herzte bei jeder Gelegenheit seine Band und sorgte mit „Lippy Kids“ und „Perfect Weather To Fly“ für ergreifende Ruhe. Bei letztgenanntem Song, wurde traditionell auf der Bühne mit er gesamten Band angestoßen. „Cheers!“, hieß es – und Garvey verkündete, dass die Band nun seit 20 Jahren existiert. Wer danach dann immer noch so ein harmonisches Bild abgibt, hat was richtig gemacht – und das Ständchen verdient, das vom Publikum angestimmt wurde.


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