Festivalbericht

So war der ROLLING STONE Park 2019: Melancholie und Abenteuer

ROLLING STONE Park: So war der Samstag (Liveblog)

Das schöne Leben

Die alkoholfreien Bierhymnen von Elbow beschließen den zweiten ROLLING STONE Park. Das Motto für den Weg in die Nacht und ins Hotelzimmer liefern aber Steiner & Madlaina mit ihrem schrägen Generationenstatement „Das schöne Leben“:

Stolz steh ich mit ’nem Lächeln auf
Hole meinen Gutmensch raus
Jeden Tag nehm‘ ich’s in Kauf
Alles für den Lebenslauf
Weil träumend manchmal Träume platzen
Darf ich mich heut‘ gehen lassen
Dauernd auf der Suche nach
Bleibe ich jeden Abend wach

Und ich trinke auf das schöne Leben, was wir niemals haben werden. Weil ich das schon lange weiß, bleib‘ ich sitzen bis es heißt „komm wir trinken auf das schöne Leben“, was wir niemals haben werden. Weil wir das schon lange wissen, bleiben wir sitzen.

See you soon, Europa-Park! Bis zum nächsten Jahr. 

Wenn Männer still auf dem Boden sitzen und andächtig lauschen

…dann muss gerade Jessica Pratt spielen. Im Traumpalast offenbart sie in sich gekehrt und hochkonzentriert ihre flaumzarten Kunstlieder aus einem anderen Erdzeitalter. Die Lautstärke ihrer dahingezupften, mystischen Folkstücke dürften 80 Dezibel weniger auf die Ohren schlagen als der zeitgleich im Ballsaal spielende Bob Mould.

The Darkest Part Of The Night

Teenage Fanclub stehen seit mehr als 30 Jahren auf Bühnenbrettern, haben viele hundert Konzerte gespielt. Dennoch müssen sie sich gemeinsam zusammenreißen, um giggelnd den richtigen Start für ihren Song „The Darkest Part Of The Night“ zu finden. Zwei Versuche scheitern, beim dritten klappt es. Mit ihren älteren Power-Pop-Klassikern passiert so etwas natürlich nicht, die sitzen wie perfekt geschneiderte Anzüge.

Retromagie

Woran erkennt man, ob ein Festival-Act ins Schwarze trifft? Wenn bei fast jedem Song mitgeklatscht wird. Wenn der Applaus mit Jubelrufen unterstützt wird. Wenn die Zuhörer mitwippen, sich, ob sie wollen oder nicht,  mit dem Rhythmus der Musik bewegen. Wenn die Frauen die Schuhe ausziehen und die Männer lächelnd die Augen schließen, um das krachende Schlagzeug zum Leiter ihres Herzschlags zu machen. Vielleicht etwas viel Pathos, aber all dies trifft auf den Auftritt von Nick Waterhouse im Ballsaal zu. Die Rockabilly-Jazz-Soul-Bummer sind aber auch fürs Publikum gedacht. Waterhouse ist ein Retromagier, der selbst seine wie eine Schallplattenspielernadel kratzende Stimme in den 50ern erworbenen haben muss. Seine fantastische Band, bei der vor allem die Saxophon-Sektion begeistert, stammt aus allen beseelten Musikregionen der Staaten. Sie erweckt old tunes wie „Down In Mexico“ (eigentlich ein großer Quatsch!) wieder zum Leben und man ahnt, warum diese Musik einmal die Menschen von jeder Last des Soseins befreite.

Die andere schönste Nebensache der Welt

Nur so nebenbei: Der FC Bayern hat den deutschen Clásico mit 4:0 gegen Borussia Dortmund gewonnen.

Melancholie und Abenteuer

Es gibt nicht sehr viele so begabte Songwriter wie Conor O’Brien. Wie er als Villagers immer wieder neue Ecken zwischen Folk und Elektronik, Melancholie und Abenteuer erforscht: Das wirkt gleichzeitig mutig und dabei gar nicht angestrengt oder bemüht. Wenn er auf der Bühne steht, hat man manchmal das Gefühl, dass er fast Angst hat, mit seiner Stimme die zarten Melodien zu übertönen, aber dann traut er sich doch, und dann holt er auch noch die Trompete raus. Und bei dem Satz „You have no one to blame but yourself“ schießt sogar kurz sein Zeigefinger in die Höhe, weil es ja genau darum bei ihm immer geht: Es ist unser Leben, wir müssen das Beste daraus machen, kein anderer kann uns wirklich helfen. Im Ballsaal Berlin hängen Bilder der Bundespräsidenten an der Wand (das herrliche „A Trick Of The Light“ widmet O’Brien prompt Frank-Walter Steinmeier), sie sehen alle so männlich und so super-erwachsen und so seriös aus, aber der relativ junge, schüchterne, kleine Mann auf der Bühne scheint viel mehr zu wissen. Es lohnt sich, ihm zuzuhören.

Old Laughing Lady

Schlechte Laune für die gute Stimmung

„You might think I’m Jesus Christ oder some ugly son of a bitch.“ Viel besser kann man ein Konzert gar nicht beginnen – mit seinen schlechtgelaunten Songs sorgte Mark Lanegan sofort für gute Stimmung. „Disbelief Suspension“ hatte schwer den Blues, war allerdings gar nicht schwerfällig, wie überhaupt der ganze Auftritt in der leider nicht arg vollen Arena erstaunlich viel Wumms hatte, jedenfalls viel mehr als die jüngsten Alben des Schmerzensmannes. Zwar sah Lanegan in schummrig blau-lila Licht getaucht aus wie die Geister, von denen er sang, aber die tief berührende Stimme, dazu die dräuenden Gitarren und das treibende Schlagzeug: Das war doch sehr lebendig.

Der Abend naht, Leute

Joan As Police Woman weiß, wie das Geschäft funktioniert. Sie lobt ihr Publikum für die professionelle Mitklatschbereitschaft. Dann kündigt sie Autogramme und den Verkauf einer „Special Limited Edition“ ihrer neuen Platte an. Und schließlich entlädt sie eine hocherotische Coverversion von Prince‘ „Kiss“, die jedem Schulbub rote Ohren zaubern muss. Da wird die Gitarre gestreichelt und Joan stöhnt und haucht den Text, als ginge es darum, ihre Zuhörer allesamt direkt ins Hotelzimmer abzuschleppen. Puh. Unterschriften zur Abkühlung.

Lieblingsmotive (3)

Noch zu haben. Macht sich gut an jeder Wand.

Futter für Erkenntnistheoretiker

Während Jens Balzer in seiner Lesung von einem „entfesselten Jahrzehnt“ spricht, wird klar, dass die 60er möglicherweise die bessere Musik hatten, die 70er hatten aber die spannenderen, explosiveren Klänge. Und was lernen wir von Oliver Polak und Micky Beisenherz? Dass beide die neuen Waldorf und Statler sind.

Til Schweiger!!!!!11!!

Auf dem Weg zu den Fahrgeschäften kommt man auch unweigerlich an der Europa-Park-Hall-Of-Fame vorbei. Goldene Sterne und Goldene Handabdrücke. Zum Beispiel von Achterbahnliebhaber Til Schweiger. Man beachte die Unterschrift. Wie von Euromaus gekrikelt.

Nachtisch

Was macht der ROLLING STONE?

Um diese Frage, und viele andere mehr, dreht sich der RS-Talk im Traumpalast. Antwort: Ja, der ROLLING STONE hat zu kämpfen wie alle Printprodukte, wie alle Musikmagazine. Aber er steht auch so stark da wie kein anderes Musikblatt in Deutschland. Die Auflagenrückgänge sind vergleichsweise niedrig, mit dem neuen Musikpreis IMA und nicht zuletzt dem RS-Park gibt es neue Impulse für die Marke. Und was wünscht sich die Redaktion fürs Festival? Dass die Besucher hier ein Gefühl von Heimat und verlässlichem Vergnügen finden. Und bald vielleicht Elvis Costello oder Paul Weller zu hören bekommen.

Vive la France

Der Eurosat-CanCan-Coaster liefert den richtigen Adrenalin-Kick für den Tag. Langsam geht es in der Spirale erst das Moulin Rouge, dann Notre-Dame und schließlich – natürlich, Paris ist doch ein einziges Klischee – den Eiffelturm hinauf. Eine kecke französische Stimme, die sich später als Méliès-Mond entpuppt, liefert den Countdown für eine wilde, kurvenreiche Fahrt durch die Nacht, vorbei an so manchen koketten Damen, Wolkentupfern und imaginierten französischen Prachtbauten. Nach zwei Minuten ist der flotte Spaß vorbei. Dann eben nochmal. Denn das geht beim ROLLING STONE Park ohne Probleme. Fragen Sie mal Familien, die im Sommer hier zu Gast sind.

EurosatCanCan-Coaster

 

Karussell

Für Liebhaber der intimen Happenings: Bis 12 Uhr werden am Merch-Stand Tickets für das Karussell-Konzert von Meadows (14.45 Uhr) verlost.

Playtime

Seit 11 Uhr sind insgesamt vier Fahrgeschäfte bis 14 Uhr geöffnet. Für Kaltduscher gibt es den Matterhorn-Blitz, Ästheten erklimmen den Euro-Tower, wer es gemütlich mag und gerne reist, besucht das Voletarium und in diesem Jahr zum ersten Mal dabei: der Eurosat-CanCan-Coaster.

Aber nicht vergessen, bevor Ihnen vielleicht der Magen einen Strich durch die Rechnung macht: Um 12.30 plaudert die RS-Redaktion im Traumpalast

Lieblingsmotive (2)

Unbedingt bei der Posterausstellung vorbeischauen. Es lohnt sich.

Was gefällt den Fans am meisten im ROLLING STONE Park?

Kleine Umfrage: Viele Konzerte in kürzester Zeit gucken, schnell von einem Gig zum nächsten wandern, mit Gleichgesinnten über Musik sprechen, alte Helden sehen, Festivalstimmung ohne Stress, mit der Bahn nachts den beleuchteten, aber geisterhaft stillgelegten Europa-Park sehen

Auf der nächsten Seite: So war der Freitag beim RS Park

Frank Embacher


ROLLING STONE Beach, der Freitag: Surfen auf der Krone des Taifuns

The Specials Am Rande sah man ihn doch, den ausholenden Tanzschritt, den vorgebeugten Oberkörper, eine Bewegung, als würde der Tänzer auf der Stelle rennen. Vor 40 Jahren, als die Specials ihr von Elvis Costello produziertes Debütalbum veröffentlichten, war Skanking der Stil der Stunde; jetzt, vier Jahrzehnte später, erinnert das skankende Trio im Gedränge zwischen Bar und VIP-Tribüne im großen Zelt an den Überschwang, den die Specials von Coventry aus über die britische Insel brachten. Die zweite Welle des Ska rollte Ende der 70er wie ein Taifun durch die Clubs und die Specials surften auf der Krone. Es gab nie eine…
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