Rolling Stones schreiben zornigen Liebesbrief an die USA

Rolling Stones veröffentlichen „Ringing Hollow“ – ein melancholischer Liebesbrief an Amerika. Jetzt im Album „Foreign Tongues“. Mick Jagger und Keith Richards erklären.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Mit der heutigen Release (10.07.) ihres neuen Albums „Foreign Tongues“ setzen die Rolling Stones ein musikalisches Ausrufezeichen. Sie stellen einen ihrer politischsten Songs der vergangenen Jahre ins Schaufenster. Zudem feierten Mick Jagger und Ronnie Wood den Song „Ringing Hollow“ in einer „Hallo Überraschung!“-Live-Premiere.

Akustische Premiere an der Themse

Bei einer Listening-Session im noblen St. Clement Hotel am Londoner Themse-Ufer präsentierten Jagger, Wood und Tour-Keyboarder Matt Clifford den Song erstmals in einer spartanischen Akustik-Version, umrankt von aufgemöbelten Versionen der Klassiker „Dead Flowers“ und „You Can’t Always Get What You Want“.

„Ringing Hollow“ zeichnet ein melancholisches Bild der Vereinigten Staaten. Im Zentrum steht der Wandel eines Landes, das die Band seit ihren Anfängen geprägt hat.

Besonders eindrücklich ist die Zeile: „Lady Liberty don’t look so good when there’s a tear in her gown.“ Der Song versteht sich weniger als politische Riot-Ansage à la Dead Kennedys oder The Clash, sondern als kritische Bestandsaufnahme einer Nation, die für die Stones über Jahrzehnte Inspirationsquelle und Sehnsuchtsort gewesen ist.

Jagger über Amerika als Idee

Im Gespräch mit dem britischen Musikmagazin Mojo erklärte Mick Jagger, das Stück handle von „Amerika als Idee“.

Der amerikanische Traum existiere zwar weiterhin für viele Menschen, gleichzeitig werde aber zunehmend über den Niedergang der amerikanischen Vormachtstellung diskutiert. Jagger verweist auf große Fragen nach geopolitischer Überdehnung und dem wachsenden Einfluss des Lobbyismus. Auch die enormen Kosten und Einflussnahmen in politischen Wahlkämpfen spricht er an.

Nach fast zwei Jahrzehnten in New York habe er bei vielen Reisen durch das weite Land auch Seiten der USA kennengelernt, die für viele Einheimische bis heute fremd geblieben sind.

Richards: Eine Liebeserklärung mit bitteren Tönen

Auch Bandkollege Keith Richards betont, dass „Ringing Hollow“ trotz seiner kritischen Untertöne vor allem als Liebeserklärung zu verstehen sei.

Der Song sei auch ein Rückblick auf das Amerika der 1950er-Jahre. Er denke an die Überland-Diner mit ihren Jukeboxen, den aufziehenden Rock ’n’ Roll und die Traditionen des Blues, die die Rolling Stones seit Urtagen maßgeblich beeinflusst hätten.

Gerade wenn ihm zündende musikalische Ideen fehlten, kehre er bis heute zum Blues zurück, so Richards. „Ringing Hollow“ sei letztlich der Versuch, den Vereinigten Staaten zu sagen: „Wir lieben euch.“

In einem weiteren Interview mit der Sunday Times bezeichnete Richards das Stück als „nostalgische Liebesaffäre mit Amerika“, räumte jedoch ein, dass das Land derzeit eine bittere Enttäuschung sei.

Die alltäglichen Sorgen des sprichwörtlichen kleinen Mannes, etwa die steigenden Lebenshaltungskosten, stünden sinnbildlich für die Herausforderungen, die im Song poetisch verhandelt werden.

Auch nach über sechzig Jahren im Musikgeschäft fließen somit aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in ihr Œuvre. Die enge emotionale Verbindung zu den USA wollen die Rolling Stones nicht so einfach von der Bettkante stoßen.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

Die Rolling Stones sind zurück! Alles über ihr neues Album „Foreign Tongues“, Ron Woods Privatarchiv und die Großtaten ihres Produzenten Andrew Watt im neuen ROLLING STONE (Ausgabe 08/26), ab 26. Juni im Handel: Hier bestellen!