Rosalía-Konzert in Berlin: „Lux“-Tour zwischen Oper und TikTok

Rosalía bringt ihre „Lux“-Tour nach Berlin – mit Heritage Orchestra, Ballettschuhen und „Motomami“-Hits. Was das Konzert so besonders macht, lest ihr hier.

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Es geht gegen neun Uhr in der von LED-Billboards des Turnschuh-Sponsors illuminierten Lifestyle-Zone am Berliner Spreeufer. Draußen Sonnenschein, drinnen andachtsvolle Weihe-Atmo. Ein 17.000er-Grummeln geht durch die Reihen, als sich das Orchester in einer eigenen Zone vor der Bühne platziert. Licht aus, Kreischen an.

Der Mond ist aufgegangen. Darunter erscheint Rosalía – mit Ballettrock und Ballettschuhen. Sie kann ja alles. Auch auf Spitze tanzen.

Ein High-Pop-Musical nimmt Fahrt auf, mit Tendenz zum viel erwähnten „Gottesdienst“. Mit „Berghain“ – nein, sie war nicht dort! – wechselten die Farben von hell, weiß und Rosé zu Grufti-Schwarz.

Vom Konservatorium ins Showbiz

Die Katalanin startete vor rund acht Jahren mit dem Flamenco-Album „El Mal Querer“. Seit „Motomami“ ist sie eine spanisch singende Global-Popfrau. In ihren Videos erscheint sie mal als Eishockey-Spielerin, mal als laszives Wesen im schrägen Umfeld.

„Lux“ hat ihren Gesamtkunstwerk-Anspruch buchstäblich auf Spitze getrieben: Glauben, Begehren und die Widersprüche der Moderne. Das volle Programm – mehr Komplexität im Pop geht nicht. Ihr Musik-Professor Daniel Gomez Sanchez aus ihrer Akademie im unspektakulären Teil von Barcelona attestierte in einem Gespräch ihren Mix aus Genie und Wahnsinn.

Kreuzform und Panzerkreuzer

Diese Mega-Ambition überträgt sich auf ihrer Tour, die in Deutschland nur in den beiden größten Hallen des Landes stattfand: Köln und Berlin. In Kreuzform angelegt sitzt das Heritage Orchestra unter der Leitung von Dirigentin Yudania Gómez wie ein Panzerkreuzer im Steh-Publikum. Über der Bühne tickern die Songtexte in Übersetzung. Liest da wirklich jemand mit?

Rosalía singt, tanzt und verformt sich als Heilige, Verführerin oder Düsternis-Ikone. Das Publikum reicht von 17 bis 77. Manche mega-gestylt in Cover-Optik, andere im biederen Freizeit-Look.

Auf der Bühne wechseln die Kostüme in hoher Frequenz – eine Spur zu überkandidelt. Oper trifft auf TikTok.

Motomami trifft die Mega-Schüssel

Die komplexen, zuweilen verqueren Strukturen von „Lux“ werden im Live-Vortrag durch pure Energie getragen. Besonders die Songs vom 2022er-Album „Motomami“ verwandeln die Mega-Schüssel in eine Disco. Rosalía versteht ihr Geschäft. Zu „Porcellana“ schwebt sie im Tutu, textlich im bitterbösen Duktus. Wer Vergleiche braucht, wendet sich an Björk oder Kate Bush.

Wenn man ihre Show kritisieren möchte, dann wegen der latenten Über-Perfektion. Wenn Rosalía verkleidet als Nonne eine Arie raushaut, kann sie das – als wäre Maria Callas nie dagewesen. Etwas hochtönende Ironie schwingt dabei mit. Besonders gelungen hingegen der Schmachtfetzen des Northern-Soul-Gottes Frankie Valli: „Can’t Take My Eyes Off You“. Die Protagonistin inszeniert sich als prärafaelitisches Gemälde. Ein größeres Kultur-Besteck geht nicht.

Mit „Berghain“ begann die schwarze Sektion der Show. Dabei stellt sich die Frage, wie schnell man Backstage die Klamotten wechseln kann. Pure Perfektion.

Avantgarde trifft Remmidemmi

Am viel umkreischten Ende bleibt die lässliche Frage nach „Authentizität“. Sagen wir so: Rosalía gelingt das, woran viele andere scheitern.

Avantgarde trifft auf Remmidemmi. Konzeptkunst auf halbnackte Sexyness. Pop war selten größer. Doch nach der Zugabe sehnt man sich nach einer fettigen Bratwurst und einem ehrlichen Eckkneipen-Bier.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.