Rückblick Fußball 2017: Das Jahr der Mega-Ablöse

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Rückblick Fußball 2017: Das Jahr der Mega-Ablöse

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Ursprünglich war das ja ein Witz. in den Verträgen von Fussballprofis in Spanien muss eine Ablösesumme festgeschrieben sein, für die sich ein Spieler freikaufen kann. Das ist gesetzlich so geregelt, und meistens sind die Summen derart bizarr hochgeschraubt, dass niemand das Geld aufbringen würde. Als der Brasilianer Neymar, damals einer der aufregendsten jungen Spieler der Welt, 2013 seinen Vertrag beim FC Barcelona unterzeichnete, dürfte es zwischen seinen Emissären und denen des Klubs ungefähr diesen Dialog gegeben haben: „Was schreiben wir denn bei der Ablösesumme hin?“ – „Was Verrücktes.“ – „Klar, aber was genau?“ – „Mach mal irgendwas mit ’ner Schnapszahl: 222 -Millionen!“ – „-Haha, das ist gut!“

War es auch, denn natürlich würde diese Summe niemand bezahlen. Dachte man. Der bis dahin teuerste Transfer der Fußballgeschichte war der von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid gewesen. Dessen Ablösesumme an Manchester United war nicht mal dreistellig, wie sollte der Markt jemals 222 Millionen Euro hergeben? Doch als Paris Saint Germain Neymar dieses Jahr zu umwerben begann, ging es um etwas anderes: Geopolitik und Fun.

Der Klub war 2011 von Qatar Sports Investment übernommen worden, was nichts anderes bedeutete, als dass Paris Saint Germain der weltweit erste Klub wurde, der einem Staat gehört. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, ein Fan von PSG, hatte den Deal eingefädelt. Die Katarer kauften zur gleichen Zeit über ihr Unternehmen beIN Sports auch die Übertragungsrechte für die französische Liga. Nasser Al-Khelaifi, ein ehemaliger Tennisprofi und begeisterter Falkner, wurde Präsident sowohl von PSG als auch von beIN Sports. Und während diese Geschäfte angebahnt wurden, schafften die Katarer es auch, Michel Platini für sich einzunehmen. Der Präsident des europäischen Fußballverbands stimmte für die Vergabe der WM 2022 an Katar.

Katar besitzt riesige Gasvorkommen und schwimmt im Geld, die 225.000 Kataris haben das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Offenkundig weiß der Staat manchmal gar nicht so richtig, wohin mit dem Reichtum. Aber meistens kauft er sich Freunde, und wo könnte das besser klappen als im Fußball? Man bekommt einen Haufen Aufmerksamkeit, und Spaß macht die Sache auch noch.

Paris Saint Germain war sportlich nicht sonderlich gut, als die Katarer einstiegen, und so richtig interessierte sich in der französischen Hauptstadt zu jener Zeit auch niemand für Fußball. Die Menschen dort sind schließlich verwöhnt und akzeptieren nur Spitzenklasse. Warum sollten sie ins Stadion gehen, um sich Niederlagen gegen Provinzler aus Lyon, Bordeaux oder Lille anzuschauen?

Neymar

Mit dem Geld aus Katar wurde es besser, die Provinzler fuhren nur noch selten als Sieger aus dem Prinzenparkstadion nach Hause. Aber das Publikum in der Hauptstadt wollte natürlich mehr als nur die französische Meisterschaft, weil das schließlich selbstverständlich sein sollte: Es wollte, dass sein Klub endlich auch mal in der Champions -League etwas reißt. Aber da reichte es nur für Mittelmaß und Trauma. Vor allem wenn es gegen den FC Barcelona ging. 4:0 hatte PSG im Frühjahr 2017 das Hinspiel gegen die Mannschaft von Messi, Suárez und Neymar gewonnen, eine Sensation, das lang erwartete Ausrufezeichen, der Durchbruch, Weltklasse! Doch dann wurden sie im Rückspiel zerlegt wie auf diesem Niveau selten ein Team zuvor. 1:6 verlor PSG in Nou Camp und schied aus der Champions -League aus. Wenn sie wirklich ein ernsthafter Kandidat für den Gewinn des Wettbewerbs werden wollten, brauchte PSG bessere Spieler.

700 Millionen, eine Milliarde

Da traf es sich ganz gut, dass Katar kurz darauf in eine politische Zwickmühle geriet. Im Juni 2017 brachen der Nachbar Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Bahrain die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Katar ab. Sie stießen sich an den angeblich zu engen Verbindungen zum Iran und behaupteten, Katar unterstütze Terroristen in der Region. Dass Al Jazeera der mediale Motor hinter dem Arabischen Frühling gewesen war, war auch in schlechter Erinnerung. Jedenfalls hatte das winzige Land plötzlich die gesamte Nachbarschaft gegen sich.

Vielleicht hätte es ohne diese politische Krise den Transfer nicht gegeben, denn das Gesamtpaket mit Ablösesumme, Bezahlung des Spielers und seiner Berater war fast 700 Millionen Euro groß und damit nicht refinanzierbar. Aber es ging ja nicht um Geschäftsmodelle, sondern um Geopolitik und Spaß. Der Transfer war ein dringend notwendiges Lebenszeichen Katars. Und sportlich ist PSG nicht nur in Frankreich der Konkurrenz weit enteilt, auch in der Champions League sieht es gut aus: Dort hat Neymar in den ersten fünf Spielen sechs Tore geschossen. Mal sehen, wer der nächste Spieler ist, der einem Staat aus der Imagefalle hilft. Die aktuelle Ablösesumme von Messi ist auf 700 Millionen festgeschrieben, und die von Ronaldo auf eine Milliarde.

Unser Autor CHRISTOPH BIERMANN, 57, ist Fan des VfL Bochum und der Sleaford Mods sowie Mitglied der Chefredaktion des Fußballmagazins „11 Freunde“.

Lars Baron Getty Images
ALAIN JOCARD AFP/Getty Images
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