Scott Matthew: Video-Session und ein Interview mit Jekyll & Hyde


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Vor einigen Jahren wurden wir von Scott Matthew überrascht. Der Australier sang mit großer Geste gleichzeitig tief und androgyn, sodass man sich an David Bowie erinnert fühlte, bei dem glamouröse Traurigkeit ähnlich klang. Und da waren ja noch Antony & The Johnsons, die mit dem barocken Queer-Pop von „I Am A Bird Now“ und „The Crying Light“ ein Publikum hinterließen, das nach mehr Drama lechzte. Auch der Auftritt von Matthew war dabei ungewöhnlich: Zusammengekauert und mit Kapuze auf dem Kopf saß der bärtige Barde auf seinem Hocker und sang zu Cello und Flügel eine Art Kammer-Folk, der gängige Songwriting-Muster mit Elementen der klassischen Musik zusammenführte. Die tiefschürfenden Arrangements machten die Lieder, in denen Matthew sein Inneres nach außen kehrte, noch persönlicher. So persönlich, dass man sich manchmal selbst ein wenig entblößt vorkam. „Ich bin stolz darauf, mich getraut zu haben, meine Verletzlichkeit zu zeigen“, sagt er, „sie ist es doch, die mir Wertschätzung gebracht hat. Die Leute hören mir zu, meine Musik bedeutet ihnen etwas. Das ist eine seltsame Gleichung: Meine Verletzlichkeit hat mich stark gemacht. Ich mache mir mittlerweile eher Sorgen, dass sie mich zu stark gemacht hat. Was soll ich dann für Lieder schreiben? Und wer will sie hören?“ Matthew kokettiert; muskelbepackte Mackermusik wird es in dieser Karriere wohl nicht geben.

Auf seinem neuen Werk, „Gallantry’s Favorite Son“ hellt die Stimmung allerdings etwas auf. Endlich über etwas Schönes singen, endlich nicht mehr nur den Schmerz vertonen – Matthew wollte eine Balance herstellen und andere, luftigere Themen zulassen. Ein entspannt swingendes Lied über die Wonnen der Liebe, eine romantisch zirpende Ukulele, sogar ein Geburtstagsständchen, das Matthew auf Wunsch seiner Mutter für eine ehemalige Schulfreundin schrieb: Das sind neue Töne im Werk des Wahl-New-Yorkers.

Zudem hat Matthew sich mit seinen neuen Lieder in Gebiete gewagt, die in seinem Oeuvre bislang unerforscht waren. Mehr Gitarren, üppigere Gesänge, verschachtelte Melodien: Insgesamt drängt Matthew auf „Gallantry’s Favorite Son“ die bisweilen strenge Intensität der beiden Vorgänger zugunsten eines leichthändigeren 60s-Folk-Pop zurück. „Natürlich wirst du immer das Songwriting vergangener Dekaden hören“, bestätigt der Komponist, „mir geht es stets um etwas Pures, Aufregendes. Dem sind wir auf dem Album nachgegangen.“    

Die Karriere des Scott Matthew ist bislang nur eine europäische. Amerika nehme ihn noch nicht so recht in die Arme, sagt der Künstler etwas verdrossen und nennt sein Leben eine „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“-Existenz – daheim ein normaler Musiker ohne Bühnen und Geld in den Taschen, im Exil kleiner Pop-Star mit bescheidener Karriere. „Zu Hause geht es immer ums Überleben, so ist das eben in New York“, sagt Matthew, „in Europa komme ich mir dagegen vor wie im Märchen. Ich stehe auf einem kleinen Podest, das ist ein schönes Gefühl.“

Und schöne Gefühle sind wichtig für Scott Matthew. Auf seinen Alben umgibt er sich mehr oder minder immer mit denselben Menschen: mit Produzent Mike Skinner sowie den Musikern Eugene Lemcio und Clare Kennedy – Fremde machen ihn unsicher. Auch das Verhältnis zu seinem Publikum beschreibt er als familiär. „Wenn du ehrlich bist, bekommst du Ehrlichkeit. Die Menschen spüren, dass ich ihnen nichts vormache. Deshalb kommen sie nach den Shows und schütten mir auch schon mal ihr Herz aus. Für mich ist das eine Ehre.“        

              

Hier die für uns eingespielte Live-Session: