Sind Frei.Wild netter als die Böhsen Onkelz?

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Sind Frei.Wild netter als die Böhsen Onkelz?

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Klaus Farin tut etwas in Deutschland Unerhörtes. Er stellt Forschungen zu Subkulturen an, indem er sich mit ihren Angehörigen unterhält und unhysterisch untersucht, wer sie tatsächlich sind. Er hat das Archiv der Jugendkulturen geleitet und sich mit Skinheads, Hooligans und Böhse-Onkelz-Fans befasst. Jetzt hat Farin ein ganzes Buch geschrieben über die so populäre wie umstrittene Südtiroler Rockband Frei.Wild: Es heißt „Südtirols konservative Antifaschisten“ und erscheint im Archiv der Jugendkulturen Verlag. Klaus Farin sitzt im Laden des Verlags, in Berlin-Neukölln, und trägt ein T-Shirt zum Gespräch, auf dem „Commerzpunk“ steht. Im Schaufenster liegen die Bücher aus, die Scheiben sind heil.

Die Welt: Mögen Sie Frei.Wild?

Klaus Farin: Ihre Musik ist okay. Ich bin Rockfan, da liegt mir auch Frei.Wild nicht fern. Die Musiker sind sehr nett, im Vergleich zu anderen Bands.

Die Welt: Was heißt nett?

Farin: Sie sind immer gesprächsbereit und offen. Ich mag deutsche Texte. Schauen Sie sich doch den Pop-Mainstream an. Alles einerlei, schlimm sexistisch. Da darf man sich über jeden Deutschrocksong freuen, in dem die Texte einen Sinn haben. Aber das reicht für mich noch nicht, um zum Fan von Frei.Wild zu werden. Sie sind nun mal eine konservative Band, und ich bin kein konservativer Mensch. Persönlich mag ich auch ihr Pathos nicht.

Die Welt: Im Vorwort Ihres Buches über die Band schreiben Sie, dass Frei.Wild schon vor zwölf Jahren mit dem Wunsch an Sie herangetreten seien, ein Buch über sie zu schreiben. Damals, erklären Sie, sei ihre Musik nicht relevant gewesen. Außerdem würden Sie Auftragsarbeiten grundsätzlich ablehnen. Was ist an Frei.Wild heute relevant?

Farin: Ich bin ein politischer Autor, mir geht es um gesellschaftliche Relevanz. Mich interessieren Kontroversen, Mythen und Tabus, an denen sich Vorurteile entzünden und in denen aus Unwissenheit gängige Klischees erwachsen, besonders bei Leuten, von denen man mehr erwarten sollte. Bei Lehrern und Politikern, Linken und Liberalen. Für viele sind die Böhsen Onkelz heute noch eine Rechtsrockband und Frei.Wild sowieso. Wer das behauptet, macht sich nicht gerade als Sachkundiger verdächtig. Als die Skinheads nach der Wiedervereinigung für den Rassismus verantwortlich gemacht wurden, als die Mehrheitsgesellschaft sich auf Kosten einer Minderheit entschulden wollte, habe ich über Skins geschrieben. Das ist Relevanz. Frei.Wild sind keine kleine Südtiroler Band mehr, sie sind durch die hysterische Ausgrenzung zum Mainstream-Phänomen geworden.

Politisch würde ich Frei.Wild irgendwo zwischen CDU und CSU ansiedeln.

Die Welt: Was ist das Konservative an Frei.Wild?

Farin: Sie sagen ja selbst von sich, konservativ zu sein. Vier Jungs eines kleinen Bergvolks. Handwerksburschen und Familienmenschen, die ihre Traditionen und ihren Glauben pflegen. Politisch würde ich sie irgendwo zwischen CDU und CSU ansiedeln.

Die Welt: Woher stammt eigentlich der Irrtum, Rockmusik sei von Natur aus progressiv?

Farin: Wer wie ich in den Siebzigerjahren mit Rock aufgewachsen ist, war links. Da hatte auch die Musik, die wir liebten, links zu sein. Musik war noch ein Distinktionsinstrument für Leute mit langen Haaren. Der Zeitgeist war rebellisch. Man hat das auch nicht hinterfragt damals, bis man mitbekam, was manche Musiker für Umgangsformen pflegten und welche Meinungen sie vertraten. Ich habe lange als Musikjournalist gearbeitet und in Berlin auch als Security. Bob Dylan war ein Arschloch, Eric Clapton, Elvis Costello, Rod Stewart und David Bowie fielen mit rechten und rassistischen Sprüchen auf. Sogar Johnny Ramone entpuppte sich als konservativer Republikaner. Punk hat den Mythos von der linken Rockmusik dann wieder vertieft. Heute ist man da sensibler.

Die Welt: Im Punk gehörte doch das Rechte zum Provokationsfundus.

Farin: Natürlich. In Deutschland haben nur Bekenntnisse zur RAF noch mehr gezündet als Nazi-Provokationen. Bei den Onkelz aber war es nicht nur Punk und Provokation, als sie in ihren frühen Tagen „Türken raus“ in einem türkischen Gemeindezentrum gesungen haben. Die waren wirklich so drauf am Anfang. Aber die Onkelz waren nie konservativ. Die konnte man nach ihrem Abschied von der rechten Szene auch als Linker gut finden, sie waren Rebellen. Frei.Wild und die Böhsen Onkelz haben gar nicht so viel gemeinsam, wie es viele gern hätten.

Die Welt: Lassen sich Frei.Wild politisch leichter vereinnahmen?

Farin: Nein. Da gab es nur die Geschichte von Philipp Burger, dem Sänger, und der Partei Die Freiheitlichen. Die Band hatte sich zu einer lokalen Veranstaltung einladen lassen. Das war naiv. Was nicht heißen soll, dass sie nicht in manchem auch so dachten wie Die Freiheitlichen in Südtirol. Der Weg von konservativ dahin, wo rechts anfängt, ist ja nicht so weit. Es wurde Frei.Wild immer vorgeworfen, sie würden ihre wahren Ansichten tarnen. Wären sie politisch wirklich so clever, wie es ihnen unterstellt wird, hätten sie sich nie von den Freiheitlichen einladen lassen. Ein überzeugter Rechter macht so was schon aus strategischen Gründen nicht. Dass Frei.Wild ihre angeblich wahre Meinung verheimlichten, um ihre Karriere voranzutreiben, ist absurd. Wenn Philipp Burger von einem deutschen Nachrichtenmagazin gefragt wird, was er von Pegida halte, und er antwortet, dass er dazu nichts sagen könne, heißt das nur, dass er zu wenig über Pegida weiß, weil es so was nicht gibt in Südtirol. Er hat sich dazu noch keine Meinung bilden können. Als ernsthafter Rechtsaußen würde er sich in Interviews geschickter äußern: Man müsse mit allen reden oder so.

Frei.Wild und die Böhsen Onkelz haben gar nicht so viel gemeinsam, wie es viele gern hätten.

Die Welt: Die NPD hat versucht, Frei.Wild-Fans mit Flyern anzulocken.

Farin: Die NPD hat schon mit Ton Steine Scherben geworben. „Allein machen sie dich ein“: Den Song haben auch Landser im Programm, die Rechtsrockband. Auch linksradikale Bands sind nicht davor gefeit, dass ihre Musik missbraucht wird.

Die Welt: Der Begriff Deutschrock steht heute nicht mehr für Westernhagen und Grönemeyer, sondern für Bands wie Frei.Wild und Mut:Willig.

Farin: Das hat sich in der Nachfolge der Onkelz neu definiert. Frei.Wild hat diesen neuen Deutschrock populär gemacht. Dass Genres sich neu erfinden, ist ja auch nicht ganz neu. Der Punk von heute hat auch nichts mehr mit dem meiner Generation gemeinsam.

Die Welt: Als Alternative böte sich der Begriff Identitätsrock an.

Farin: Den hat sich Thomas Kuban ausgedacht, ein Undercover-Journalist, den ich für höchst unseriös halte. Ich finde es zynisch, Rechtsrock und Rechtsextremismus für seinen grottenschlechten Film „Blut muss fließen“ und die eigene PR zu missbrauchen. Er behauptet, niemand traue sich, Rechtsrockkonzerte zu besuchen und zu dokumentieren. Ich habe das schon vor 20 Jahren im ZDF getan. Ich habe an einem Themenabend dazu für Arte mitgearbeitet. Im Archiv der Jugendkulturen gibt es mehr als hundert Rechtsrock-TV-Beiträge mit Konzertaufnahmen. Kuban macht Propaganda in eigener Sache. Seine Einschätzungen sind genauso alarmistisch und undifferenziert, wie es unsere Talkshows lieben. Ich glaube ihm auch nicht. Wo er auch ist, ob auf dem Hockenheim bei den Onkelz oder in Südtirol beim Festival mit Frei.Wild – überall Nazis, die „Wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz“ singen. Warum sieht und hört die nie jemand außer ihm?

Die Welt: Zu Frei.Wild und den Böhsen Onkelz kommen keine Neonazis?

Farin: Natürlich gibt es die. Aber die halten sich zurück, schon wegen der Security und auch wegen der Fans. Die große Mehrheit der Deutschrockfans hasst Neonazis. Bei jeder Massenband gibt es alles, von ganz links bis ganz rechts. Die Fans von Frei.Wild sind im Schnitt einfach zu jung, um von der rechten Rockkultur geprägt worden zu sein. Deren Hochzeit ist längst vorbei. Bei den Onkelz gibt es die Rechten schon noch, aber auch da bleiben sie als sehr kleine Minderheit schön still, sie grölen keine Nazilieder und tragen keine Klamotten von Thor Steinar. Man erkennt sie trotzdem, wenn man will. Bei Frei.Wild kommt kaum mehr einer aus irgendwelchen Subkulturen.

Manche interpretieren auch den uralten Song „Ülüsü“ von den Toten Hosen als türkenfeindlich.

Die Welt: In Ihrem Buch bekennen sich Fans von Frei.Wild sogar zu den Toten Hosen. Die werden sich freuen. Muss man auch die Toten Hosen jetzt zum Deutschrock rechnen?

Farin: Die musikalischen Grenzen sind da ja fließend, Deutschrock ist ein Kind von Punk und Hardrock, auch wenn ehemalige Punkbands wie die Toten Hosen und die Broilers zwar gerne auf dieser großen Wiese mitgrasen, das aber offiziell nicht gerne hören, weil sie fürchten, als Deutschrockband in die rechte Ecke gestellt zu werden. Die Broilers hatten das Problem selbst schon. Manche interpretieren auch den uralten Song „Ülüsü“ von den Toten Hosen als türkenfeindlich. Das war natürlich Ironie damals, als man noch unbedarfter mit solchen Themen umging und für ein eindeutig ausgerichtetes Punkpublikum spielte. Die Ärzte würden heute auch keinem dunkelhäutigen Konzertbesucher ein Brikett überreichen, wie sie es früher getan haben. Das war schwarzer Humor. Ginge heute gar nicht mehr. Schon weil auch die Ärzte und die Toten Hosen heute nicht mehr davon ausgehen können, nur linke Fans zu haben. Wahrscheinlich ist der Anteil an konservativen Fans bei ihnen nicht kleiner als bei Rammstein, den Onkelz oder Frei.Wild.

Die Welt: Sie haben auch mit Rechtsrockern über Frei.Wild geredet. Der Gitarrist der Band Stahlgewitter wirft den Südtirolern vor, nur aus Karrieregründen ihre Bußrituale zu pflegen.

Farin: Nein, das tun sie nicht. Wenn sie es nicht ehrlich meinten mit ihrer Abgrenzung zu Rassismus und Rechtsextremismus und wenn sie tatsächlich Rechtsrock spielen würden, hätte ich nicht über sie geschrieben. Jedes Buch ist Werbung, auch Kritik ist Propaganda. Frei.Wild denken nicht totalitär, rassistisch oder ausgrenzend. Es gibt in ihrem gesamten Werk keine einzige rassistische Songzeile. Sie sind eine unpolitische Band, die durch ihr öffentliches Bild politisch geworden ist. Das war schon bei den Onkelz und den Skinheads so. Die Schlussfolgerungen, die Frei.Wild daraus gezogen haben, halte ich für so echt wie jedes T-Shirt für Toleranz, das sie drucken lassen.

Die Welt: Die Deutschrockszene beteuert pausenlos, wie unpolitisch sie sei.

Farin: Wer an der Schule dafür abgemahnt wird, dass er ein Frei.Wild-T-Shirt trägt, kann gar nicht anders, als das zu behaupten, um sich zu schützen, wenn er oder sie eben nicht links eingestellt ist. Damit sind Deutschrockbands und ihre Fans übrigens repräsentativ für die Mehrheit ihrer Alterskohorten: Die Politik hat ein gewaltiges, selbst verschuldetes Image-Problem. Sie gilt als langweilig, korrupt, verlogen und undurchschaubar. Politik ist für die große Mehrheit der unter 30-Jährigen ein absolutes No-Go. Selbst antirassistisch Engagierte bezeichnen sich als unpolitisch. Gegen Rassismus zu sein, sagen sie, sei eine Frage der Moral.

Die Welt: Wo hört konservativ für Sie auf, wo fängt rechts an?

Farin: Man sollte rechts vielleicht gar nicht mehr benutzen, sondern klare Begriffe wie rassistisch oder neonazistisch. Trotzdem bleibt der Übergang von konservativ nach rechts außen fließend. Für mich ist es schon eine Leistung, konservativ und dabei nicht rassistisch zu sein. Ich denke da an Heiner Geißler, der wie ich auch im Vorstand der Aktion Courage sitzt und sich für das Projekt „Schule ohne Rassismus“ engagiert. Ein Konservativer, dem die Ideologie der Ungleichwertigkeit immer fremd geblieben ist. Auch Frei.Wild vertreten nirgends eine Position der Ausgrenzung. Und damit erreichen sie als Konservative ein ganz anderes Publikum als bekennend linke Bands. Das ist eine große Chance, die genutzt werden sollte, statt die Band zu verteufeln und ihre Fans in die rechte Ecke zu treiben.

Die Welt: Darf man Frei.Wild nicht an ihre Vergangenheit erinnern? Philipp Burger hat als Teenager in einer rechten Band gespielt. Bei Kaiserjäger.

Farin: Frei.Wild wurde erst gegründet, als sich alle sicher waren, dass sich Philipp Burger von Kaiserjäger distanziert hatte. Das darf man auch einfach mal glauben und eine Band nach dem beurteilen, was sie sagt und spielt und wie sie auftritt. Was linke Kritiker an Frei.Wild stört, ist ihre offensiv gepflegte Heimatliebe. Damit können großstädtische Linke in Deutschland nicht umgehen. Deshalb ignorieren sie, dass Heimat längst ein großes Thema ist, und die Frage danach, wie wir zukünftig das sogenannte deutsche Wir definieren, eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahre sein wird. Und der Regionalpatriotismus, den Frei.Wild als Südtiroler vertreten, auch in ihren Songs, ist etwas anderes als Nationalismus.

Südtiroler verstehen sich als Opfer

Die Welt: Südtirol als mildernder Umstand?

Farin: Südtiroler haben eben ihre eigene und andere Geschichte. Sie verstehen sich als Opfer. Was sie in der Realität nicht nur waren. Aber für sie war die christdemokratische Politik Italiens die Fortsetzung des italienischen Faschismus. Dazu kommt ein Heimattum, wie man es auch aus Bayern kennt.

Die Welt: Zu ihrem Song „Wahre Werte“ haben Frei.Wild ein Werbevideo für die Südtiroler Schützenvereine gedreht.

Farin: Das finde ich auch kritisch. Die Schützenvereine stehen für mich eindeutig am rechten Rand in Südtirol. Das Video glorifiziert den Widerstand, der einer gewalttätigen postfaschistischen Politik Italiens selbst wieder terroristische Akte entgegensetzte. Da gab es Tote.

Die Welt: Deshalb sind Frei.Wild für Sie Antifaschisten?

Farin: Es gibt im Buch ein Zitat von Philipp Burger: „Wenn wir etwas aus der Geschichte Südtirols gelernt haben, dann dies: Nie wieder Faschismus!“ Das könnte auch ein Autonomer gesagt haben. Die Verbindung von Konservatismus und Antifaschismus im Buchtitel ist provokant, aber gar nicht so abwegig, wie sie auf viele wirken mag. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

Die Welt: Nervt Sie nicht auch die weinerliche „Wir gegen den Rest der Welt“-Haltung im neuen Deutschrock?

Farin: Nicht mehr als die Flaggen bei Fußballweltmeisterschaften. Wobei mich eigentlich weniger das patriotische Getue nervt als das von vielen solcher Patrioten dabei gleichzeitig mantraartig heruntergebetete Gejammere, stolz auf das eigene Land zu sein, sei in Deutschland verboten. So ein Unsinn. Aber wer ständig betonen muss, ein stolzer Deutscher zu sein, muss sich eben auch gefallen lassen, dass andere denken, der arme Tropf hat wohl nichts Eigenes geleistet, worauf er stolz sein kann. Wer eine Meinung hat, muss auch aushalten, dass andere eine andere Meinung haben. Das nennt sich Demokratie und Meinungsfreiheit. Und damit haben erstaunlich viele dieser Patrioten offenbar ein Problem, sobald ihnen jemand widerspricht. Sie kennen nur eine Wahrheit – ihre eigene.

Die Welt: So funktioniert der demokratische Rechtspopulismus.

Farin: Sarrazin fürs Volk. Überall nur Linksliberale, die einem alles verbieten wollen. Und bei jedem Widerspruch beleidigt sein und nichts, was anders ist, ertragen können.

Die Welt: Ohne das große gemeinsame Beleidigtsein wäre der Deutschrock nicht so beliebt.

Farin: Ach, ich glaube doch. Natürlich schweißen Angriffe von außen eine Gemeinde zusammen. Aber die besseren Bands gehen weit über das reine Stammtisch-Rabaukentum hinaus. Man muss sie sich nur anhören. Die Songs von Frei.Wild sind im Übrigen, für manchen vielleicht überraschend, überwiegend positiv.

Die Welt: Was ist das Positive?

Farin: Glaube an dich selbst, haltet zusammen, erfreut euch an der Natur und an der Liebe. Jemand hat mal gesagt, es sei Volksmusik im Rocksound. Das ist gar nicht mal so böse, wie es gemeint war. Das war bei den Böhsen Onkelz auch schon so. Da gab es die Märtyrerhaltung: Du hast nicht viele Freunde, aber die, die du hast, halten zu dir und zusammen. Vor allem aber bauten die Onkelz einen auf: Sei stark, dann kannst du alles schaffen. Frei.Wild machen Ermunterungsmusik.

Die Welt: Woher kommt der Proletenkult, der Stolz, zu den kleinen Leuten zu gehören und von unten zu kommen?

Farin: Zum einen ist es eine nostalgische Reminiszenz an etwas, was eigentlich nicht mehr da ist. Deutschland wird ja immer mittelschichtiger. Aber vielleicht ist Deutschrock auch eine unpolitische Variante dessen, was früher Bewegungen wie Attac waren. Ein Aufstand gegen die da oben und die undurchschaubaren Verhältnisse. Aus solchen Ohnmachtsgefühlen entstehen ja häufig Subkulturen wie der Punk in den Siebzigerjahren. Damals war es eher links, heute ist es auf gewisse Art konservativ und politikfeindlich, wenn man Politik als das versteht, was von Parteien und Parlamenten erledigt wird. Das Linke verschwindet dabei immer mehr. Was man aber kaum dem Deutschrock anlasten kann. Rockmusik spiegelt in ihren besten Facetten immer gesellschaftliche Entwicklungen wider. Wenn die Rockmusik der Jungen sich nicht linksrebellisch gebärdet, gibt es offenbar derzeit auf dem Identitätsmarkt keine attraktive linksrebellische Bewegung für sie.

Die Welt: Glauben Sie an die These von der Grauzonenmusik als Einstiegsdroge in rechte Milieus?

Farin: Der Begriff der Grauzonenbands dient einzig und allein der Denunziation. Wissenschaftlich völlig unsinnig, in der politischen Praxis unbrauchbar. Grauzone funktioniert ja so: Die Band X ist eine Grauzonenband, weil sie auf dem Festival A mit der Band Y gespielt hat, die eine Grauzonenband ist, weil sie sich auf dem Festival B mit der Band Z eine Bühne geteilt hat, in deren Stammkneipe auch Nazis ihr Bier trinken. Rechtsrockbands sind Rechtsrockbands. Sie haben eindeutige Inhalte und gehören zur rechtsextremen Szene. Bands, die ihr Rechtssein verbergen, sind ein Mythos. Was hätte die rechte Szene auch davon? Wer Rassisten ansprechen will, muss sich rassistisch äußern. Wer rassistische Inhalte in die Köpfe von Jugendlichen pflanzen will, muss rassistische Inhalte verbreiten. Wie es Frei.Wild gelingen soll, Fans für die rechte Szene zu gewinnen, indem sie Anti-NPD-Demos organisieren und bei ihren Konzerten gemeinsam mit 10.000 Fans „Nazis raus!“ rufen, muss mir erst einmal jemand erklären. Ich kenne keine Grauzonenband. Die Wirkung von Musik als zentrales Rekrutierungsmittel für die rechtsextreme Szene, wie es der Verfassungsschutz verbreitet, wird überhaupt überschätzt. Das gehört zur PR des Verfassungsschutzes.

Die Welt: Und die These von den Ausstiegshelfern? Daniel Cohn-Bendit wollte den Neonazis früher die zur Vernunft gekommenen Böhsen Onkelz als Vorbild verordnen.

Farin: Natürlich waren die Onkelz für viele aus der Szene damals ein Vorbild, weil sie es glaubwürdig vorgelebt haben. Es geht gar nicht um einzelne Songs, sondern um die Glaubwürdigkeit der Biografie eines Musikers, die ihn zum Vorbild werden lässt.

Ausgrenzung ist Werbung.

Die Welt: Wären Frei.Wild heute da, wo sie sind, also ganz oben, ohne die Anfeindungen? Ohne dass man sie bei Preisverleihungen auslädt?

Farin: Nein. Ausgrenzung ist Werbung. Den Echo der deutschen Musikindustrie zu erhalten, ist eher peinlich. Und wer auch noch durch Manipulation davon ausgeschlossen wird, kommt in die Charts.

Die Welt: Sie haben ein Schlagwort geprägt: den Momo – den moralisch-emotional motivierten Menschen. Darf man über Frei.Wild nicht moralisch und emotional urteilen?

Farin: Doch, darf man. Aber wenn man sich öffentlich äußert, vor allem als Prominenter oder Politiker, muss man sich schon fragen lassen, warum man das macht, obwohl man gar keine Ahnung davon hat. Als Meinungsbildner sollte man sich mit einer Sache beschäftigt haben, bevor man sie verteufelt. In Hamburg haben reflexartig 10.000 Leute unterschrieben, als ein einzelner das Konzert von Frei.Wild in der O2 World verbieten lassen wollte, auch weil in der Nähe der Halle ein Flüchtlingsheim steht. Das ist Volksverhetzung. Da hat moralische Empörung ihre Grenzen. Auf der einen Seite wird die Gesellschaft freier, auf der anderen Seite kleingeistiger und engstirniger. Wo Grenzen verschwinden, werden Gartenzäune gebaut. Die Sehnsucht nach einem autoritär moralischen Wir wächst in der bürgerlichen Mitte – alles, was nicht dazugehören will oder darf, muss weg, egal, ob Deutschrockbands, Muslime oder Neonazis. Bloß nicht darüber nachdenken, bloß nicht mit denen reden. Das zeigt auch die absurde Diskussion über ein Verbot der NPD, dieses traurigen Haufens, der sich ohne seine Gegner schon längst erübrigt hätte. Antidemokratische Minderheiten muss man als Demokrat aushalten können.

Die Welt: Werden Sie selbst für Ihre Arbeit mit rechten und konservativen Subkulturen angefeindet?

Farin: Ja. Kommt immer wieder vor. Wenngleich ich ja versuche, zu verstehen, warum und wie etwas funktioniert und warum etwas geschieht. Das sollte grundsätzlich das Ziel von Journalismus und Bildung sein. Große Teile des Buchhandels boykottieren das Buch über Frei.Wild. Lehrer sind empört, dass ich vorschlage, Frei.Wild im Unterricht zu behandeln. Und im Internet heißt es dann schlicht: „Halt die Fresse, Alter!“ Meine Haltung, auch missliebige Meinungen zu Wort kommen zu lassen, mag nicht jeder. Aber da bin auch ich konservativ: Ich glaube, dass man gerade Andersdenkende zu Wort kommen lassen muss, um sich eine eigene Meinung zu bilden, und dass Bücher nach wie vor das beste Medium für diese Art der Meinungsbildung sind, weil sie im Vergleich zu allen anderen Medien diesen Prozess entschleunigen.

Die Welt: In Ihrem Buch wird der Leser dazu angeregt, „Heimat“ von Frei.Wild mit „Heimat“ von Grönemeyer zu vergleichen. Welches ist Ihnen persönlich näher?

Farin: Das von Grönemeyer.

Die Welt: Warum?

Farin: Ich bin ein Fan der ersten Stunde.

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