So war Soap & Skin in Berlin: Totentanz und Katharsis


von

Der schwarze Flügel, wie immer im Fokus. Daran: eine Trauernde mit Priesterkragen. Eine Mauer aus schwarzgekleideten Chorknaben und einem dunklen Ensemble gibt schützende Rückendeckung. Statt Nebel schwirrt Weihrauch durch die Luft im Astra und an der Bühnenkante stehen weiße Blumen. Anja Plaschg alias Soap & Skin spielt an diesem Abend kein klassisches Konzert, doch das tut sie sowieso nie. Längst ist sie bekannt für tiefe Passion und einen Hauch von Gothic; doch heute, hier ist dennoch mehr Anja Plaschg in Soap & Skin zu hören.

Das österreichische Wunderkind wandelt tränenschwer zwischen vielfachem Abschied und düster-schöner Erinnerung an ihren 2009 verlorenen Vater, dem ihr aktuelles Album „Narrow“ gewidmet ist. Rückkopplung wird dabei zu einem schicksalshaften, mystischen Stilmittel und ein stillstehendes Publikum zur bewegten Kulisse, die sich vor Anteilnahme des Jubels kaum annehmen mag. Noch eben schmettert Anja überwältigend leidende Höhen in den Raum, die Gänsehaut durch die Reihen prügeln, und plötzlich, in „Wonder“, ist sie zart in Stimme und zu ihren Tasten, bis sie auf einen Computerklick Donnergeräusche in den Saal brechen lässt, die Boden und Decke erschüttern. Das Outro, gesungen von einem männlichen Chor, wirkt wie ein väterliches Sprachrohr, überirdisch eindringend; nur zwischen den Songs bleibt es still. Noch nie schien ein zarter Applaus so viel Respekt und Anerkennung zu zollen wie hier. Ab und an verlässt Anja Plaschg die Bühne, mal mitten im Stück, mal danach. Ihren schwarzen Mantel hat sie bereits abgelegt, während „Fall Foliage“, und ganz in weiß verbeugt sie sich vor ihrem Flügel. Erst am Ende des Stücks, mit dem letzten Schlag, beendet sie die friedliche Andacht. Ihre Fäuste richten sich gegen das Klaviergehäuse und die Stimmung sowie das Licht kippen in Aggression, Wut und Trauer um.

Dann folgt ihre eigene Interpretation des Desireless-Klassikers „Voyage, Voyage“, und  das Publikum traut sich erstmals lautstark zu jubeln, und Soap & Skin sich erstmals „Danke“ zu sagen. Es folgt „Lost“ und tatsächlich ein Cover von „She’s Crazy“ der Kelly Family, wobei die Trauernde zeigt, dass sie auch noch lachen kann.

In „Thanatos“ wird es noch einmal aufbrausend: krachende Sound-Effekte werden von akustischen Instrumenten übernommen, die Kraft in Anjas Stimme schmettert durch den Raum, der die dunkle, heroische Farbe des Liedes längst angenommen hat. Und dann das vermeintlich nahende Ende in dem Höhepunkt des Abends – „Vater“: Soap & Skin trägt die Haare im Gesicht, Tränen kann sie nun nicht mehr verschlucken und ab und an hält sie kurz inne, atmet tief und versucht eine Trauer zu bewältigen, die sich in jeder Note tief verankert, und in Zeilen wie „Ich wollt noch nie lieber eine Made sein“.

Für ihre Zugaben tritt sie vorn an das Mikrofon und exzentrisch wankend durchfährt jeder Takt ihren Körper. Fast psychedelisch erklingt „Marche Funèbre“ – nahezu wie ein Dirigent steigert Anja Plaschg ihr Ensemble in ein mächtiges Orchester. Nach dem Apparat-Song „The Devil’s Walk“ zeigt sich Soap & Skin, die bis dahin viel mit sich beschäftigt war, gerührt und verteilt ihre weißen Blumen an das Publikum, das schwer jubelt und tief beeindruckt ist. Ihre Mitreisenden verabschieden sich, es gibt noch eine zweite Zugabe von Anja Plaschg allein. Verlassen steht sie am Mikrofon, ganz bei sich mit ihrer Erinnerung, und plötzlich, es scheint wie mitten im Satz zu sein, wirft sie einen Kuss in die Halle und verbeugt sich noch einmal hochachtungsvoll, während sich die Musik nicht zu trauen scheint, mit dem Spielen aufzuhören.

Unser Fotograf Sebastian Braschl hielt vor Ort einige Momente fest, die wir in einer Galerie für Sie zusammengestellt haben.