Sofiane Pamart: Warum der Neo-Klassik-Star mit brennendem Klavier spielt

Diamant-Handschuhe, Stade de France, jetzt Elbphilharmonie: Sofiane Pamart ist Neo-Klassiks größter Star. Was sein Album „Movie“ verändert hat.

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Sein Konzert in der Berliner Philharmonie war vergleichsweise zahm. Ende März griff der französische Grenzgänger im filigranen Plinker-Plonker-Modus in die Tasten. Einzig seine in Diamant-Handschuhe gekleideten Hände strahlten den gerne gezeigten Glamour aus.

Gelegentlich erhob er sich von seinem Maestro-Schemel und verbog seinen Körper in vollster Wallung wie einst Prince. Nach Ende des kompakten Sets zog sich eine lange Schlange mit Autogramm-Jägern durch das Foyer der Philharmonie. In seinem Heimatland bespielt er das riesige „Stade de France“ – und aktuell begegnen einem in der Pariser Metro tausende Plakate für sein neues Album „Movie“.

Zweifellos ein Superstar der Neo-Klassik, der auch in den sozialen Medien alle Rekorde bricht. Nach Berlin und München spielt der 36-jährige Aufsteiger aus migrantischen Vorstadt-Verhältnissen heute Abend (30. April) in der – natürlich ausverkauften – Elbphilharmonie in Hamburg.

Chopin, Liszt, Schumann – und trotzdem kein Clayderman

Im Gespräch mit dem Online-Dienst des „Klassik Radio“ erläutert er seine künstlerische Haltung. Seine Auftritte würden keinem festen Plan folgen: „Ich spiele jedes Konzert anders“, sagt er. „Ich möchte nicht, dass Menschen immer dieselbe Show erleben.“

Musikalische Wurzeln verortet er in der Romantik und im Impressionismus: Die „Melancholie und Intimität“ von Frédéric Chopin, die Virtuosität von Franz Liszt und die „unglaubliche Fantasie“ von Robert Schumann prägen ihn ebenso wie die Klangwelten von Maurice Ravel und Claude Debussy. Manchmal ist sein Erfolgskollege Richard Clayderman (73) gar nicht sooo weit entfernt – wäre da nicht die Verbindung zu HipHop und anderen Spielfeldern.

Sein aktuelles Album „Movie“ versteht er, wie die eigene Genie-Vita auch, als „Liebesgeschichte“.

Dafür erweitert er sein Spektrum radikal und versammelt Musiker wie Celeste, Wyclef Jean, J Balvin, Sia und Rema. „Ich muss mit ihnen im selben Raum sein, um die Emotionen zu spüren.“ Mit Christine and the Queens etwa genügte eine Viertelstunde Improvisation. „Wir wussten: Der Song ist im Kasten.“

Das Klavier fungiert für ihn nicht nur als Instrument, sondern als „Medium des Verstehens“. Auf die Frage, was er seinem jüngeren Ich sagen würde, antwortet er schlicht: „Bleib genau so, wie du bist.“ Am Ende verdichtet sich seine künstlerische Mission in einem hehren Anspruch: „Mein größter Traum ist es, Freude und Hoffnung zu bringen und Menschen zu helfen, ihre Gefühle besser zu verstehen.“ Musik, so Pamart, beginnt dort, wo Genregrenzen enden – und wo Menschen einander wirklich zuhören.

In 88 Tasten durch das Universum

Seine bisherigen Alben „Planet“, „Letter“ und „Noche“ verstanden sich als jeweils eigene emotionale Landschaften. Sie waren Reisen nach innen und außen zugleich, getragen von der Idee, dass ein einziges Instrument ausreicht, um die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindung zu erzählen. In 88 Tasten durch das Universum.

Mit „Movie“ öffnet Pamart eine Tür in die – für ihn ungewohnte – orchestrale Welt. „Ich wollte hören, was aus meinen Melodien wird, wenn sie atmen können“, sagt er. Ein Satz, der viel über den Kern dieses Albums verrät.

Das Schreiben für Orchester beschreibt Pamart als das Erlernen einer neuen Sprache. Während das Klavier ihm vollständige Kontrolle erlaubt – über Anschlag, Dynamik, Zeit –, zwingt ihn das Orchester zur Hingabe. Plötzlich sind da Trompeten und Posaunen, die Farbe und Kraft hinzufügen, Schlagwerk, das Emotionen kippen lässt, und eine Vielzahl von Stimmen, die miteinander in Beziehung treten müssen. Komposition wird zur sozialen Praxis: zuhören, reagieren, Raum lassen. „Das Orchester verlangt Demut“, sagt er nicht ohne Pathos.

48 Mikrofone im Rudolfinum

Aufgenommen wurde das Album im Rudolfinum in Prag, einem Saal aus dem späten 19. Jahrhundert, dessen Akustik fast schon mythisch aufgeladen ist. Holz, Gold, eine Decke wie eine Kathedrale – und ein Klang, der Wärme nicht simuliert, sondern trägt. 48 Mikrofone wurden installiert, um das Orchester in all seinen Dimensionen einzufangen: 48 Perspektiven auf ein einziges Werk, mit genug Raum, damit jede Instrumentengruppe existieren kann, ohne die andere zu erdrücken.

Der Moment, in dem Pamart seine Kompositionen erstmals vom Orchester gespielt hörte, markiert einen Wendepunkt. „Etwas hat sich verschoben“, beschreibt er. Die zuvor allein gedachten Melodien gewinnen plötzlich eine Größe, die über das Individuelle hinausgeht. Streicher atmen, Holzbläser singen, Blechbläser öffnen Räume. Das Klavier wird Teil eines größeren Ganzen – nicht verdrängt, sondern verstärkt und durch den Kontext getragen.

Mode als musikalisches Statement

Er ist Stilist wie aus dem Bilderbuch: einer, der Mode als Erweiterung seiner musikalischen Identität begreift. Seine Kooperationen mit renommierten Pariser Couture-Häusern sind an zwei Händen nicht zu zählen. Seine Auftritte sind visuelle Statements, komponiert wie seine Stücke. In Berlin sorgte er zuletzt für Aufsehen, als er mit diamantbesetzten Handschuhen im Saal erschien – ein Bild zwischen Luxus und bewusster Überhöhung, das manchen Zuschauer durchaus abgelenkt hat. Lost in Bling Bling.

Es ist diese Verbindung aus Radikal-Ästhetik und künstlerischer Kontrolle, die ihn von der klassischen Pianistentradition absetzt und näher an die Codes von Pop und Couture rückt.

Sein heutiger Auftritt in der Elbphilharmonie wird neben den butterweichen Tracks neuerliche O-La-La-Momente bringen. Das spektakuläre Elphi-Auditorium, selbst ein „Instrument“ aus edlen Materialien, wird zum Resonanzkörper eines Künstlers, der gelernt hat, im großen Stil zu agieren. Zumindest auf seinem neuen Album ist er an einem Punkt angekommen, an dem Virtuosität allein nicht mehr ausreicht: Es geht dort nicht mehr darum, was er spielen kann – er zeigt, was entsteht, wenn er andere Stimmen zulässt. Bei seinem Auftritt an der Elbe gibt er hingegen noch einmal den schrillen Solisten in spitzen Stiefeletten.

 

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.