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Süffige Säuferromantik: Warum Wanda ein Erfolgsmodell ist

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Süffige Säuferromantik: Warum Wanda ein Erfolgsmodell ist

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Erinnert sich noch jemand an die Tom Robinson Band? Eine Londoner Pubrock-Truppe der späten Siebziger, die mit „2-4-6-8 Motor­way“ einen veritablen Stimmungshit hatte. 37 Jahre später wird das neue Album „Bussi“ der Wiener Pubrock-Truppe Wanda eröffnet von „1, 2, 3, 4“, einem bei ihren Konzerten bereits viel umjubelten Stakkato-Kracher, auf den es sich trefflich hüpfen und grölen lässt. „Ich bin ein trauriger europäischer Geist/ Ich hab dich ungeniert umarmt und wollte, dass du schreist“, heißt es im Text. Ein lang gezogener Gruselfilmkreischer heizt die zweite Strophe und schließlich den Re­frain an: „Aans, zwa, dra, vier – es ist so schön bei dir!“ Von den Akkorden her sehr eng am Tom-Robinson-Stück. Ansonsten weder Hommage noch Coverversion.

„Naa, kennen wir nicht“, sagt Marco Wanda im Naturfreundehaus in Aichach, wo Wanda den ersten Tag beim Stereowald Festival beschließen. Ein süßes, kleines bayrisches Festival im hochaktuellen Format: familiäres Umfeld, regionales (Bio-)Catering, weder grelle Großsponsoren noch Dixi-Klo-Hölle. Stattdessen treffen die Pipinsrieder Musikanten auf Koflgschroa und das HipHop-Duo Dicht & Ergreifend. Am nächsten Tag geben The Notwist den viel bejubelten Headliner. Ein hübscher Nachweis, dass die Provinz durchaus was kann. Das perfekte Szenario für eine Band aus aufgedrehten Mittzwanzigern, die in der internationalen Powerrock-Kiste ihre musikalischen Versatzstücke findet. Von Adriano Celentanos „Svalutation“ bis hin zu Tom Robinson, entsprechend wienerisch abgeschmeckt. „Wir haben niemals daran gedacht, aus Wanda eine En-vogue-Scheiße zu machen, die Hipster-Szenen bedient. Unser Publikum ist nicht homogen und geht locker bis 40 plus; oft genug sind die Kinder dabei. Fast schon wie beim Schlager. Mir gefällt das“, sagt Marco Wanda, der in Wirklichkeit Michael Marco Fitz­thum heißt und sich demnächst dafür verantworten muss, die Antik-Lederjacke als Bühnenkluft wieder satisfaktionsfähig gemacht zu haben.

Bandkollege Christian Hummer feiert derweil seinen 25. Geburtstag und bekommt von den Veranstaltern eine Schwarzwälder Kirschtorte spendiert. Als der Stereowald gegen Mitternacht völlig euphorisiert Wandas allerallerletzte Zugabe feiert, gibt es vom örtlichen Bühnenteam noch eine kernig-bayrische Tagesbilanz: „Es gab keine Schlägereien, keine Alkoholleichen. Alles gut also.“ Dann dudelt leise „Moon Of Alabama“ von den Doors durch die Nacht.

Süffige Säuferromantik

Das Volkstümlich-Deftige passt wie die Faust aufs Auge zur sehr speziellen Aura von Wanda, die trotz Großstadtherkunft auch auf dem neuen Album, „Bussi“, wenig urban klingen, im Gegenteil. Ein melancholischer Schmachtfetzen wie „Mona Lisa der Lobau“ lässt sich als Hymne der (Wiener) Peripherie lesen. Wenn Bruce Springsteen statt in New Jersey am Donaukanal geboren wäre, würde er vielleicht ähnlich klingen. „Es muss halt jeder einmal untergehen“, singen sie. Weltschmerz und Schmäh auch bei „Andi und die spanischen Frauen“ und „Sterne“. Unglück, süffige Säuferromantik und was zum Feuerzeug- und Smartphone­lampen-Schwenken. „Öffne den Mund und ich leg mich hinein/ Es gibt keinen Grund, sterblich zu sein“, lassen Wanda das Reibeisen in der Stimme kratzen. Ein weiterhin eher rustikales Verhältnis zu den Frauen gibt es selbstredend obendrein. „Nimm sie, wenn du’s brauchst“ als doppeldeutig-krachendes Sequel von „Bologna“.

„Wir haben einfach Lust, gerade jetzt voll Stoff zu geben und uns damit auch selbst zu fordern“, kommentiert Marco Wanda den Eindruck, dass sie mit dem breitärschigen Sound des zweiten
Albums die derzeit grassierende Wandamania auch musikalisch bedienen wollen. „Jaja, wie damals bei den Beatles. Unser Manager, Stefan Redelsteiner, hat als beinharter Fan mindestens 16 Bücher aus dieser Epoche gelesen. Von uns aus könnten wir gern alle sechs Monate ein Album raushauen, weil ich eh viele Lieder schreibe. Und das schlechteste Material von mir ist immer noch dreimal besser als das beste von all den anderen, haha!“ Krachendes Selbstbewusstsein und feine Selbstironie wohnen bei Wanda gleich nebenan. Der extrem gute Lauf, den sie spätestens seit ihrem Studentenparty-Überkracher „Amore“ mit dem herrlichen Hit „Bologna“ haben, beflügelt verständlicherweise die Euphorie. „Man hat ja keine Zeit im Leben“, philosophiert Wanda durch die Künstlergarderobe. „Ich fürcht mich sehr vor allem, was noch so kommt. Wir sind ja schnell eingestiegen ins große Geschäft, und diese Geschwindigkeit ist genau richtig. Dabei wollen wir bleiben und das auch lange machen, glaube ich.“


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Der Sänger und Denker redet. Die ringsumher sitzende Restband lauscht oder meditiert vor sich hin. Gitarrist Manuel Christoph Poppe, Drummer Lukas Hasitschka, Keyboard-Geburtstagskind Christian Hummer und Bassist Reinhold Weber sind vom ersten Eindruck her die handwerklich bestens ausgebildeten Musiker, die auf Selbstreflexionen für die Presse gern verzichten können. Wobei dieser Eindruck natürlich dem knallharten Tourprogramm geschuldet sein kann, das die Band in diesem Jahr ohne Pause abspult. Dabei seien sie mehr oder weniger dieselben Menschen geblieben, beschreibt Wanda die aktuelle interne Chemie unter Dauerpower. „Bissl härter, grantiger und determinierter vielleicht. Na ja, wir sind jetzt Männer geworden!“ Und alle lachen wie am Wikinger-Stammtisch.

„Wer hat noch eine Akkord-Rock’n’Roll-Band gebraucht?“

Die größte Kritik bei der anhaltenden Dynamik – ihr noch auf einem Indie­label veröffentlichtes Debütalbum hat die Platinmarke von 200.000 verkauften „Einheiten“ geknackt – kommt aus ihrer Heimatstadt Wien. Fast hätte man es geahnt. Eine nicht repräsentative Wanda-Umfrage unter ortsansässigen Kollegen und Freunden erbrachte latent abschätzige Wertungen. Von „blödem Falco-Jargon“ bis zu „dass sich darauf jetzt alle einigen können, passt zu den 30 Prozent Wählerstimmen der FPÖ in Wien“. Marco Wanda kennt diese landsmannschaftlichen Ressentiments natürlich, will von politischen Verortungen nichts wissen. Und setzt sich letztlich genüsslich darüber hinweg. „Es heißt ja auch: ‚Wer hat noch eine Akkord-Rock’n’Roll-Band gebraucht?‘ Unsere Musik sei deshalb witzlos und unintelligent. Ich empfinde diese Aussagen eher als Beweis für das Gegenteil. Denn gerade die einfache Form zu finden ist für den Künstler doch das Allerschwierigste. Dieses Granteln kommt halt aus der intellektuellen Kunst-Ecke. Auch wenn da viele heimlich Wanda hören.“

Bald wird es sogar einen Auftritt in Indien geben. Bei einem Happening für Toleranz und Frieden, eingefädelt von der österreichischen Botschaft. Aus Underdogs werden staatstra­gende Kulturbotschafter. Irgendwie absurd und somit genau nach ihrem Geschmack. „Ich habe das Gefühl, dass es gewisse Bedürfnisse über die Sprache hinaus gibt, die wir eventuell treffen können“, wagt Wanda eine Prognose in eigener Sache. „Ein englischer Label-Kollege meinte mal zu einem unserer Konzerte: ,I did not understand a fuck, but it was great!‘ Insofern kann es uns schon passieren, dass wir über den deutschsprachigen Raum hinauskommen. Wäre auf jeden Fall wünschenswert. Gerade Italien fände ich sehr schön zum Spielen.“

Dieses rastlose Volle-Pulle-auf-Tour-Sein und das Schnaps-und-Rotwein-Kater-am-nächsten Tag-mit-dem-nächsten-Exzess-Verjagen macht sie ja beinahe bewunderswert – in einer Welt der Fahrradhelme und veganen Mettbrötchen. Gleichzeitig ist ein Absturz leichter Hand pro­gnostizierbar. Ein Lebensstil, der nicht nur auf die Stimmbänder geht. Doch so weit sind wir noch lange nicht. „Wanns net weitergeht mit dir, is a wurscht/ Ich verlier sicher net maan Herz und maa Hirn“, singt Wanda.

Zu dem Hinweis, dass Wanda ja irgendwann wie weiland Axl Rose seine eigenen Leute rausschmeißen und stattdessen Slash und Co. als neue Wanda-Crew einstellen könnte, meint Michael Fitzthum: „Naa, mit denen würd ich’s schon ganz und gar nicht machen – das sind doch Archlöcher, glaube ich.“

(Ralf Niemczyk, ROLLING STONE 10/2015)

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